Eine himmlische Ganz-Kurz-Geschichte zu
Weihnachten:
für eher Kleine – und überaus Große
--> Der Moment, an dem die Zeit erfunden wurde, ist lange her. Aus diesem Grund kann sich kaum einer mehr daran erinnern. Auch ich hätte das alles längst vergessen, wenn ich mir damals nicht einige Notizen aufgeschrieben hätte, zum Glück.
Demnach war es damals so: GOTT hatte sein Universum gerade fertiggestellt und sich ein wenig in maßvoller Ruhe erholt. Daraufhin rief er all seine 100 000 Seelchen zu sich. Als alle da waren und gespannt warteten, was nun passieren würde, schaltete ER mit einer freundlich-einladenden Handbewegung das überstrahlende Licht der Sonne ein. Wunderbar, geradezu phantastisch leuchtete und glitzerte und funkelte alles in prächtigstem Glanze, schimmerte und schillerte, gleißte und irisierte es in allen denkbaren und undenkbaren Farben. Was für eine Vielfalt, welch Gepränge!
Da gab es einen mehrtausendfachen Jubelschrei wie orchestriert, und die kleinen Seelchen sausten und flitzten und wetzten wie auf ein Handzeichen hin davon und stürzten sich voller Begeisterung und lauter Lebensfreude in die Welt. Der SCHÖPFER hatte ihnen sein Paradies gezeigt. Er schmunzelte zufrieden – und ein bißchen stolz.
Dann fiel sein Blick auf 1000 kleine Seelen, die noch dastanden. Sie waren nicht in die Welt hinausgebraust! Sie hatten sich kaum gerührt und schauten nur: teils etwas belustigt, teils etwas gelangweilt. „Kinderkram“, murmelte eine und zuckte fad mit den Schultern, eine zweite kratzte sich brummelnd und lethargisch hinterm Ohr, und eine weiter hinten stehende befand, daß das zwar sehr, sehr schön, aber auf Dauer doch gewiß auch oberflächlich sei: „Wahrheit findet man dort sicher nicht“, meinte sie schnippisch. Das war die kleine Philosophenseele.
Da wies der EWIGE diese 1000 kleinen Seelchen in eine andere Richtung. Dann legte er eine kleine Kunstpause ein, um die Spannung etwas zu erhöhen. Natürlich nur für die Seelchen, nicht für sich: denn er wußte gewiß, was gleich geschehen würde.
Dann schaltete er für einen Augenblick die dunkelste Finsternis ein, die er je erdacht hatte. (Was in dieser Düsternis alles an Grauenhaftem genau zu ahnen, zu sehen und zu fürchten war, traue selbst ich mir hier nicht in Einzelheiten zu schildern – und habe das Meiste zum Glück auch längst verdrängt. Huh!) Im selben Augenblick gab es einen tausendfachen Aufschrei, angefüllt mit Schmerz und Angst, Schrecken und Entsetzen, und alle stoben in Panik davon – jede Seele in eine andere Richtung. Der MEISTER aller wirklichen Illusion (oder sollte ich sagen: aller illusionierten Wirklichkeit?) hatte ihnen seine Hölle gezeigt.
Der HERR schmunzelte wieder vergnügt. Genau so hatte er es vorhergesehen. Und es war gut so. Nun waren alle wohlbeschäftigt nach ihrem Sinn. Er schaute überall zu und war voller Mitfreude mit seinen kleinen Seelchen.
Da fiel sein Blick etwas überrascht auf einen einzig Übriggebliebenen direkt neben ihm. „Nanu?“, sagte er. „Du bist noch da? Mit all den Schönheiten meines Paradieses konnte ich Dich wohl nicht in die Welt locken? Und auch die ganzen Schrecken meiner Hölle haben Dich nicht zum Fortlaufen gebracht?
Nach einer kurzen Pause setzte er mit einem gütigen und interessierten Lächeln hinzu:
„Dich kann man wohl gar nicht beeindrucken, was?“.
Da
antwortete das kleine Kerlchen: „Ich
dachte, am allerschönsten und sichersten ist es, wenn ich bei Dir bleibe, Papa.“
Ach, wie schön, daß ich diese Notizen bei meinem letzten Umzug wiedergefunden habe.
