Avignon um 1329. Der alte, aber gerissene französische Bankier und Geschäftsmann Jean von Cahors agiert als Papst Johannes und malträtiert rigoros die gesamte Christenheit – im tödlichen Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayer, der unterdessen einen Gegenpapst in Rom einsetzt, wobei sich beide Rivalen gegenseitig als Ketzer ächten. Es geht neben Geld nur um drei Sachen: Macht, Macht und Macht. Spannende historische Kulisse, möchte man meinen!
--- "DIE SCHWARZE ROSE" - Dirk Schümer (2023) ---
Ach, ach! Keine Seite des Buchs gelesen ohne Frust, und doch bis über die Mitte durchgekämpft – allein das schon rund 300 Seiten. Dabei fühle ich mich dem Autor insofern verbunden, daß auch er sich offenbar von dem Jahrhundertroman Ecos, „Der Name der Rose“, hat durchdringen und umfänglich begeistern lassen! Dessen epochemachendes Werk, weithin bekannt geworden erst durch den unendlich dichteren und erheblich dramatischeren Film gleichen Namens Bernd Eichingers von 1986, nun fortzuführen ist eine fast schon jenseitig großartige Idee. Unbedingt wünschenswert! Doch dafür muß man das Format eines Ecos haben. Und das hat der Autor nicht ansatzweise. Leider! Gewiß steckt in dem anspruchsvollen Werk enorm viel Wissen auf Basis einer gründlichen Geschichtsrecherche, das muß anerkannt werden; und man kann also auch vieles lernen über jene Zeiten – oder das zumindest, was uns die Historiker glauben machen wollen. Doch ein beliebiger Kirchenmusiker ist eben kein Johann Sebastian Bach.
Die neue Rosen-Geschichte trägt einfach nicht. Der Autor versteht es nicht, einen durchgehenden Spannungsbogen aufzuwölben: es bleibt allenfalls streckenweise mäßig spannend. Mord, Totschlag, Verdächtigungen und vermeintliche Furcht von Anfang bis Ende gleichermaßen, dabei keinerlei Klimax. Obwohl der Protagonist an allen Ecken und Enden sogleich zwischen alle Fronten gerät, ihn die schier unglaublichsten Zufälle vom Beginn an als den kleinsten Krümel zwischen die Mühlsteine jeglicher Machtinteressen aller ganz Großen quetscht und er also dauernd bestensfalls um seine körperliche Unversehrteit und sein Seelenheil, schlechtestensfalls um sein Leben fürchten muß (oh Scheiterhaufen, Scheiterhaufen! – Schürmer liebt ihn), bleibt er erstaunlich unbeeindruckt und kühl handelnd. Und dabei farblos und blutarm wie alle anderen Charaktere.
Es gibt viel zu viel Personal, welches indifferent bleibt, und bei dem jeder Charaker fast auf die gleiche Weise spricht (nein, erstaunlich offenherzig drauflosplappert!) und handelt – ob nun Dominikaner, Franziskaner, Jude, städtischer Bankier oder Krämer, Bauernsohn oder Philister. Ob Franzose, Deutscher, Engländer oder Italiener. Ob jung oder alt. Die Dialoge sind hölzern und meist völlig unrealistisch, weil der Autor seinen Lesern durch seine Handelnden viel zu viel von seinem Geschichtswissen zu erklären versucht. „Wir Italiener …“ Dabei ist sein Grundschema unglaublich simpel: Böse, machtbesessene katholische Kirche und Inquisition samt all ihren Protagonisten dort, alle anderen leidlich passabel hier. Der Papst auf jeder zweiten Seite als angeblich alles kontrollierende Instanz: so wie in einer Guido-Knopp NS-Doku, in welcher der Führer jeder Marie in den Topf guckt und alle Schnürsenkel ím Reich persönlich mit Namen kennt.
Schümer beschreibt die Geschichte also so, wie ein 18jähriger sich die mittelalterliche Welt vorstellt, nachdem er das erste Mal Eichingers wuchtigen Bombast-Kinofilm vom „Namen der Rose“ gesehen hat – nämlich ziemlich einseitig und naiv. Obwohl er wiederum mit enorm viel enzyklopädischem Wissen aufwartet. Insofern wäre es sicher besser gewesen, er hätte ein prosaisches Sachbuch über Meister Eckehardt und dessen Häretikerprozeß in Avignon geschrieben.
Das ist nun das Schöne an dem Roman: Der lokale Bezug. Der Einfall, den (viel zu wenig bekannten!) Mystiker aus Erfurt in den scheinbaren Mittelpunkt des Romans zu stellen, ist ein guter. Die deutsche Sichtweise auf die Sache ist ebenfalls erfreulich. Grandios, an Ecos Werk zeitlich unmittelbar anzuschließen, und also sogar dessen Hauptpersonen wieder auftreten zu lassen. William von Baskerville, William von Ockham, Michael von Cesena, Ubertin von Casale, Berhard Gui … alle wieder da! Doch der Autor kann sich nicht entscheiden, ob er Eco fortführt, oder ob er ihn lieber kopiert? Das ist durchweg ärgerlich und macht den ganzen schönen Einfall und Entwurf völlig kaputt. Einserseits setzt er also fort, wie gesagt, andererseits versucht er genau gleich Ecos Roman abzukupfern! Meister und Novize als die Guten, Papst und Inquistion als die sinistren Gegenspieler; der theologische Streit und die Machtspielchen als Hintergrund; ominöse Morde und uralte Handschriften, die plötzlich wieder auftauchen und um derentwillen gemordet wird hinter jeder Ecke. Dabei scheut sich Schürmer nicht, vereinzelt wortgetreu Sätze und Wendungen aus Ecos Roman zu übernehmen, ohne sie natürlich als solche zu kennzeichnen – schließlich ist es ja ein Roman, kein Geschichtsbuch. Das kann als Remineszenz eines Inspirierten gegenüber dem Original gelten, aber es paßt nicht und wirkt hier lustig, dort lächerlich. Weder sprachlich noch erzählerisch kommt der Autor an Ecos „Rose“ auch nur annähernd heran, obwohl er das erkennbar versucht.
Und eben das ist peinlich: Weder souveräne Neuerzählung oder Abkopplung, noch angeglichene Weitererzählung oder gar Fortsetzung. Der Roman Schümers ist weder Fisch noch Fleisch. Hieße er irgendwie – vielleicht „Düstere Machenschaften in Avignon“ oder „Meister Eckerhardts Ketzerprozeß“ – gäbe es wenig Erwartungen, und die Meßlatte des historischen Durchschnittsromans für jedermann wäre hinreichend niedrig, um sie zu überspringen. So erkennbar, wie der Titel „Die schwarze Rose“ um den Vergleich mit Eco buhlt, muß er sich auch an ihm messen lassen. Dabei scheitert er kläglich.
Rein formal mißlungen und verständnishemmend ist übrigens die Modetorheit, keinerlei Anführungszeichen für Dialoge zu setzen: man rätselt daher als Leser unentwegt, wer was wann sagt?! Unschön für freiere und feinere Geister die ferner auch zwischen den Zeilen durchdringende Vermutung, daß der Autor (oder das Lektorat?) abolut nicht unabhängig vom irrlichternden Zeitgeist ist: Wenn der Erzähler viele Male hintereinander beispielsweise von „Schwarzen“ spricht, ohne auch nur wenigstens ein einziges Mal abzuwechseln zu den sicher seinerzeit zeitgemäßeren „Mohren“ oder „Negern“ oder sonstwie originelleren Synonymen, wähnt man rasch übermäßg politische Korrektheit. Die am allerwenigsten in einem historischen Roman etwas zu suchen hat! Wenig erstaunlich denn auch die Darstellung, daß die Juden und die Armen hier die braven Opfer markieren, und die Reichen und die „offiziellen“ Christen die Obskuranten.
Auch der sonstweg eher plump zu nennende Stil scheint unpassend; der Roman ist quasi „in leichter Sprache“ geschrieben. Die muß man zwar heutzutage überall befürchten, zuallerletzt aber bei einer Eco-Anlehnung! Sagen wir lieber: „Eco-Persiflage“; unwitzige und ungewollte.
Kurz: Eine Lesempfehlung nur für einfältige Gemüter ohne Eco-Erfahrung.
