28. August 2025

[Reportage] Die Enklave in Sachsen

 

 

Das Jahr 2007. Ganz Sachsen gehört zu Sachsen. Ganz Sachsen? Nein! Ein winziges Anwesen mitten im Land leistet erbitterten Widerstand. Mit eigenen Steuern und Pässen und ausländischen Vertretungen. Wer hier wohnt, ist Groß-Mützenauer. Wer hier ein- und ausgeht, gehört zur internationalen Prominenz: mindestens jener der Kabarettszene.

Erster Staatsbürger von Groß-Mützenau ist Matthias Lehmann. Der nämliche ist gleichzeitig der Staatengründer, Regent und Oberbürgermeister sowie Paßbehörde, Finanzamt und Gerichtsbarkeit in Personalunion. Und Wirt. (Der einzige Wirt der einzigen Gaststätte.) Eben diese Gaststätte nebst Hof und Garten stellt samt und sonders das Stadt- und Staatsgebiet Groß-Mützenaus dar. Umgeben von der immerhin freundlich verbundenen Stadt Lunzenau im Muldental, inmitten Mittelsachsens. 

Doch der gewitzte und humorvolle Gasthaus- und Staatenlenker ist nicht der einzige Bürger seiner Enklave. Deren gibt es schon deutlich über 100, und das weit über Mulde und Elbe hinaus. Daneben einen Generalkonsul für die Niederlande und einen in der Schweiz. Auch auf der britischen Mannes-Insel („Isle of Man“) gab es einen Botschafter. Und sogar bis Leipzig bei Markleeberg reichen die offiziellen Verbindungen. Fast in allen Bundesländern wirken Senatoren für die Bürger und Groß-Mützenau, oder umgekehrt. Etwa ein Senator „wider die Unflätigkeit und Unzucht“ oder einer für „Gesundheit und Volkshygiene“. Die Folgen: Vom japanischen bis finnischen Fernsehen, vom Depeschendienst der Deutschen Botschaft in den USA, von thailänd- und honolulischen Flugreiseredaktionen, ja selbst von weniger bekannten Boulevardblättern wie „Spiegel“ oder „Stern“ wurde schon berichtet über die kleine Enklave bei Lunzenau. Sogar die „Freie Presse“, Redaktion Mittweida, war schon da, wo Sachsen jetzt via Groß-Mützenau einen eisfreien Hafen an der Mulde und damit Zugang zu den Weltmeeren hat, über Elbe und Nordsee. Deswegen trägt das Gemeinwesen auch den stolzen Zusatz „Frohe und Hanselstadt“.
  

Lehmann, der gelernte Eisenbahner und (Alltagskunst-)Erfinder, hat noch mehr zu bieten aus dem Schatzkästchen der wunderbaren – wahren oder erfundenen – Geschichten, für die so mancher Sachse weltweit berühmt ist. Er sei der jüngste Fahrdienstleiter der DDR gewesen, mit gerade 18 Lenzen! Gegen Ende ´89. Weil damals in seiner Lehr-Region ganz plötzlich akuter Mangel herrschte (nanu?!) an Reichsbahnern und eingesetzte Kräfte überlastet, mußte der frischgebackene und halbstarke Stellwerker gleich einen ganzen Güterumschlagsbereich ganz stark lenken. Da so was aus bürokratischen, sicherheitsrelevanten und Haftungsgründen heute undenkbar ist (mindestens bis zum nächsten Kriegende), kann man schlußfolgern: Er war der jüngste Fahrdienstleiter Deutschlands, vermutlich Europas, und mit nicht ganz großer Unwahrscheinlichkeit auch der Welt. 

Seiner Liebe zur Schiene entspringt auch das kleine, aber urige Eisenbahnmuseum auf seinem Anwesen. Das hat Lehmann damit fast ganz zum stillgelegten Haltepunkt direkt an der Mulde mit Gleisen und Prellbock und Signal und Hemmschuh und Lok und Draisine und Warnschild und Vorschriften und Fahrscheinselbstverkäufer und Waggonoberbelüftungsdrehluftschieberhäuschen und und und undgest- …  nein, umgestaltet. Und eben derselben Liebe entspringt die Idee, regelmäßig rund um den Globus zu reisen und so ziemlich überall nach Eisenbahnermützen bei Kollegen zu fragen. 


Deren besitzt er nun Aberdutzende, viele in seiner Kneipe unter der Decke hängend zu bestaunen. Und von welchen – seinem aufmerksamem niederländischen Honorarkonsul sei Dank – der Name des sächsischen Gebietseinschlusses stammt: Mützenau. Aber Mützenau klingt banal, so wie Britannien. Was wäre beides ohne das "Groß-" davor? (Gerade enge Länder brauchen etwas zusätzliche Größe.) 
 Geht es etwa um Groß-Mannssucht? Nein, um Kultur und Witz geht es. Deswegen gibt es hier auch nicht etwa das größte Hotel der Welt, sondern das kleinste. Untergebracht in einem Koffer. Das „Kofftel“. (Für maximal zwei Personen gleichzeitig mit höchstens je einer Tasche; plus Außendusche.) Und deswegen veranstaltet der umtriebige Muldentaler vor Ort regelmäßig Lesungen und Ausstellungen weitbekannter Künstler und Kartoonisten. Und zwar solcher Kunstjünger, die man auch über Groß-Mützenau hinaus kennt – wahlweise in München, Hamburg oder Görkwitz. Legendär und weithin aufsehenerregend etwa die im Frühjahr 2017 durchgeführte Vernissage einer nicht unbedeutenden Erfurter Agentur unter dem Titel "Goethes Faustkeil"

Und er gibt sogar ein quartalsweise erscheinendes Amtsblatt seiner Verwaltungseinheit (wir wollen aus politischen Gründen den Begriff IMPERIUM vermeiden) heraus, „Lokpfogel“ genannt. „Pfiffig, pführend und pfolksverbunden“ sei dieses; neben Banalaktuellem zu Land und Leuten, Weltpolitik, Religion und Regionalem wartet die Gazette mit journalistischen Kabinettstückchen auf, die  internationalen Wissenschaftsmagazinen wie „Spektrum der Wissenschaft“ oder "GEO" zur Ehre gereichten: Etwa dem Bericht über die sich langsam wieder stabilisierende Population des seltenen achtbeinigen Hasen (didiplopoda lepus europaeus) in Norddeutschland. Geradezu eine Sensation stellen die in diesem Zusammenhang erstmals veröffentlichten Bilder [Abb. ähnlich] dieses Langohrs und -beins dar - mit denen bisher weder Botaniker oder Naturfotografen von Rang je aufwarten konnten. 


Das Land Sachsen wirbt seit einigen Jahren mit der Kampagne „So geht sächsisch.“ Und hat dabei neuerdings, wie man hört aus gewöhnlich ungewöhnlich gut informierten Kreisen, 


gewisse Ansehensprobleme mit Weilern wie Dresden oder Marktflecken namens Chemnitz; vielleicht geht sächsisch ja so besser: Als Schutzmacht und Exklave um Groß-Mützenau? So oder so ist Groß-Mützenau auch von befreundeten europäischen Nachbarstaaten wie Thüringen aus gut erreichbar, einstweilen noch ohne Visum und Spachbarrieren. Bei der Gelegenheit könnte der geneigte Weltenbummler zudem einen kurzen Abstecher nach Amerika machen, ebenso unbürokratisch, denn der gleichnamige Ort mit Bahnhof im Muldental ist nur eine doppelte Hutlänge entfernt. Ein großmännisches Selfie mit Ortschild wäre es allemal wert. Sowas soll ja neuerdings gerade in der Politik ziemlich gut ankommen, gerade bei Oberlangmützen.



 
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Anmerkung: Der Autor zeichnet für diesen streng sachlichen Beitrag 
einzig in seiner Funktion als völlig wertfreier und unparteiischer Reporter
verantwortlich - keineswegs in seiner rein zufälligen Ehren-Funktion als 
„SENATOR FÜR WORTAKROBATIK AUF GUT DEUTSCH“ 
in Groß-Mützenau]
 

Transparenzhinwweis: Selbstverständlich ist es ebenfalls reinster Zufall, 
daß Matthias Lehmann offizieller Wortpate für das Wort
"Suppenteller" 
bei der weltweit einmaligen Aktion Wortpatenschaft ist.