Das Jahr 2007.
Ganz Sachsen gehört zu Sachsen. Ganz Sachsen? Nein! Ein winziges Anwesen mitten
im Land leistet erbitterten Widerstand. Mit eigenen Steuern und Pässen und
ausländischen Vertretungen. Wer hier wohnt, ist Groß-Mützenauer. Wer hier ein-
und ausgeht, gehört zur internationalen Prominenz: mindestens jener der
Kabarettszene.
Erster
Staatsbürger von Groß-Mützenau ist Matthias Lehmann. Der nämliche ist
gleichzeitig der Staatengründer, Regent und Oberbürgermeister sowie Paßbehörde,
Finanzamt und Gerichtsbarkeit in Personalunion. Und Wirt. (Der einzige Wirt der
einzigen Gaststätte.) Eben diese Gaststätte nebst Hof und Garten stellt samt
und sonders das Stadt- und Staatsgebiet Groß-Mützenaus dar. Umgeben von der
immerhin freundlich verbundenen Stadt Lunzenau im Muldental, inmitten
Mittelsachsens.

Doch der
gewitzte und humorvolle Gasthaus- und Staatenlenker ist nicht der einzige
Bürger seiner Enklave. Deren gibt es schon deutlich über 100, und das weit über
Mulde und Elbe hinaus. Daneben einen Generalkonsul für die Niederlande und
einen in der Schweiz. Auch auf der britischen Mannes-Insel („Isle of Man“) gab
es einen Botschafter. Und sogar bis Leipzig bei Markleeberg reichen die
offiziellen Verbindungen. Fast in allen Bundesländern wirken Senatoren für die
Bürger und Groß-Mützenau, oder umgekehrt. Etwa ein Senator „wider die
Unflätigkeit und Unzucht“ oder einer für „Gesundheit und Volkshygiene“. Die
Folgen: Vom japanischen bis finnischen Fernsehen, vom Depeschendienst der
Deutschen Botschaft in den USA, von thailänd- und honolulischen
Flugreiseredaktionen, ja selbst von weniger bekannten Boulevardblättern wie
„Spiegel“ oder „Stern“ wurde schon berichtet über die kleine Enklave bei
Lunzenau. Sogar die „Freie Presse“, Redaktion Mittweida, war schon da, wo
Sachsen jetzt via Groß-Mützenau einen eisfreien Hafen an der Mulde und damit
Zugang zu den Weltmeeren hat, über Elbe und Nordsee. Deswegen trägt das
Gemeinwesen auch den stolzen Zusatz „Frohe und Hanselstadt“.


Lehmann, der
gelernte Eisenbahner und (Alltagskunst-)Erfinder, hat noch mehr zu bieten aus
dem Schatzkästchen der wunderbaren – wahren oder erfundenen – Geschichten, für
die so mancher Sachse weltweit berühmt ist. Er sei der jüngste Fahrdienstleiter
der DDR gewesen, mit gerade 18 Lenzen! Gegen Ende ´89. Weil damals in seiner
Lehr-Region ganz plötzlich akuter Mangel herrschte (nanu?!) an Reichsbahnern und eingesetzte
Kräfte überlastet, mußte der frischgebackene und halbstarke Stellwerker gleich
einen ganzen Güterumschlagsbereich ganz stark lenken. Da so was aus
bürokratischen, sicherheitsrelevanten und Haftungsgründen heute undenkbar ist (mindestens bis zum nächsten Kriegende), kann
man schlußfolgern: Er war der jüngste Fahrdienstleiter Deutschlands, vermutlich
Europas, und mit nicht ganz großer Unwahrscheinlichkeit auch der Welt.
Seiner Liebe
zur Schiene entspringt auch das kleine, aber urige Eisenbahnmuseum auf seinem Anwesen. Das hat Lehmann damit fast ganz zum stillgelegten Haltepunkt direkt an
der Mulde mit Gleisen und Prellbock und Signal und Hemmschuh und Lok und
Draisine und Warnschild und Vorschriften und Fahrscheinselbstverkäufer und
Waggonoberbelüftungsdrehluftschieberhäuschen und und und undgest- … nein, umgestaltet.
Und eben derselben Liebe entspringt die Idee, regelmäßig rund um den Globus zu
reisen und so ziemlich überall nach Eisenbahnermützen bei Kollegen zu fragen.


Deren besitzt er nun Aberdutzende, viele in seiner Kneipe unter der Decke hängend
zu bestaunen. Und von welchen – seinem aufmerksamem niederländischen Honorarkonsul
sei Dank – der Name des sächsischen Gebietseinschlusses stammt: Mützenau. Aber
Mützenau klingt banal, so wie Britannien. Was wäre beides ohne das
"Groß-" davor?
(Gerade enge Länder brauchen etwas zusätzliche Größe.)
Geht es etwa
um Groß-Mannssucht? Nein, um Kultur und Witz geht es. Deswegen gibt es hier
auch nicht etwa das größte Hotel der Welt, sondern das kleinste. Untergebracht
in einem Koffer. Das „Kofftel“. (Für maximal zwei Personen gleichzeitig mit höchstens je einer Tasche; plus Außendusche.) Und deswegen veranstaltet der umtriebige
Muldentaler vor Ort regelmäßig Lesungen und Ausstellungen weitbekannter
Künstler und Kartoonisten. Und zwar solcher Kunstjünger, die man auch über
Groß-Mützenau hinaus kennt – wahlweise in München, Hamburg oder Görkwitz. Legendär und weithin aufsehenerregend etwa die im Frühjahr 2017 durchgeführte Vernissage einer nicht unbedeutenden Erfurter Agentur unter dem Titel
"Goethes Faustkeil".


Und
er gibt sogar ein quartalsweise erscheinendes Amtsblatt seiner
Verwaltungseinheit (wir wollen aus politischen Gründen den Begriff IMPERIUM vermeiden)
heraus, „Lokpfogel“ genannt. „Pfiffig, pführend und pfolksverbunden“ sei dieses;
neben Banalaktuellem zu Land und Leuten, Weltpolitik, Religion und Regionalem wartet die Gazette mit journalistischen Kabinettstückchen auf, die internationalen Wissenschaftsmagazinen wie „Spektrum der Wissenschaft“ oder "GEO" zur Ehre gereichten: Etwa dem Bericht über
die sich langsam wieder stabilisierende Population des seltenen achtbeinigen
Hasen (didiplopoda lepus europaeus) in Norddeutschland. Geradezu eine Sensation stellen die in diesem Zusammenhang erstmals veröffentlichten Bilder [Abb. ähnlich] dieses
Langohrs und -beins dar - mit denen bisher weder Botaniker oder Naturfotografen von
Rang je aufwarten konnten.
Das Land
Sachsen wirbt seit einigen Jahren mit der Kampagne „So geht sächsisch.“ Und hat
dabei neuerdings, wie man hört aus gewöhnlich ungewöhnlich gut informierten
Kreisen,
gewisse Ansehensprobleme mit Weilern wie Dresden oder Marktflecken
namens Chemnitz; vielleicht geht sächsisch ja so besser: Als Schutzmacht und
Exklave
um Groß-Mützenau?
So oder so
ist Groß-Mützenau auch von befreundeten europäischen Nachbarstaaten wie Thüringen aus gut erreichbar, einstweilen noch ohne Visum und
Spachbarrieren. Bei der Gelegenheit könnte der geneigte Weltenbummler
zudem
einen kurzen Abstecher nach Amerika machen, ebenso unbürokratisch,
denn der
gleichnamige Ort mit Bahnhof im Muldental ist nur eine doppelte Hutlänge entfernt. Ein großmännisches Selfie mit Ortschild wäre es
allemal wert. Sowas soll ja neuerdings gerade in der Politik ziemlich gut ankommen, gerade bei Oberlangmützen.
***
Anmerkung: Der Autor zeichnet für diesen streng sachlichen Beitrag
einzig in
seiner Funktion als völlig wertfreier und unparteiischer Reporter
verantwortlich - keineswegs in seiner rein zufälligen Ehren-Funktion als
„SENATOR FÜR WORTAKROBATIK AUF GUT DEUTSCH“
in Groß-Mützenau]
Transparenzhinwweis: Selbstverständlich ist es ebenfalls reinster Zufall,
daß Matthias Lehmann offizieller Wortpate für das Wort "Suppenteller"
bei der weltweit einmaligen Aktion Wortpatenschaft ist.