19. Dezember 2025

[Kurzgeschichte] Vom wahren Paradies


 

Eine himmlische Ganz-Kurz-Geschichte zu Weihnachten: 
für eher Kleine – und überaus Große

 

--> Der Moment, an dem die Zeit erfunden wurde, ist lange her. Aus diesem Grund kann sich kaum einer mehr daran erinnern. Auch ich hätte das alles längst vergessen, wenn ich mir damals nicht einige Notizen aufgeschrieben hätte, zum Glück.

Demnach war es damals so: GOTT hatte sein Universum gerade fertiggestellt und sich ein wenig in maßvoller Ruhe erholt. Daraufhin rief er all seine 100 000 Seelchen zu sich. Als alle da waren und gespannt warteten, was nun passieren würde, schaltete ER mit einer freundlich-einladenden Handbewegung das überstrahlende Licht der Sonne ein. Wunderbar, geradezu phantastisch leuchtete und glitzerte und funkelte alles in prächtigstem Glanze, schimmerte und schillerte, gleißte und irisierte es in allen denkbaren und undenkbaren Farben. Was für eine Vielfalt, welch Gepränge!

Da gab es einen mehrtausendfachen Jubelschrei wie orchestriert, und die kleinen Seelchen sausten und flitzten und wetzten wie auf ein Handzeichen hin davon und stürzten sich voller Begeisterung und lauter Lebensfreude in die Welt. Der SCHÖPFER hatte ihnen sein Paradies gezeigt. Er schmunzelte zufrieden – und ein bißchen stolz.

Dann fiel sein Blick auf 1000 kleine Seelen, die noch dastanden. Sie waren nicht in die Welt hinausgebraust! Sie hatten sich kaum gerührt und schauten nur: teils etwas belustigt, teils etwas gelangweilt. „Kinderkram“, murmelte eine und zuckte fad mit den Schultern, eine zweite kratzte sich brummelnd und lethargisch hinterm Ohr, und eine weiter hinten stehende befand, daß das zwar sehr, sehr schön, aber auf Dauer doch gewiß auch oberflächlich sei: „Wahrheit findet man dort sicher nicht“, meinte sie schnippisch. Das war die kleine Philosophenseele.

Da wies der EWIGE diese 1000 kleinen Seelchen in eine andere Richtung. Dann legte er eine kleine Kunstpause ein, um die Spannung etwas zu erhöhen. Natürlich nur für die Seelchen, nicht für sich: denn er wußte gewiß, was gleich geschehen würde.

Dann schaltete er für einen Augenblick die dunkelste Finsternis ein, die er je erdacht hatte. (Was in dieser Düsternis alles an Grauenhaftem genau zu ahnen, zu sehen und zu fürchten war, traue selbst ich mir hier nicht in Einzelheiten zu schildern – und habe das Meiste zum Glück auch längst verdrängt. Huh!) Im selben Augenblick gab es einen tausendfachen Aufschrei, angefüllt mit Schmerz und Angst, Schrecken und Entsetzen, und alle stoben in Panik davon – jede Seele in eine andere Richtung. Der MEISTER aller wirklichen Illusion (oder sollte ich sagen: aller illusionierten Wirklichkeit?) hatte ihnen seine Hölle gezeigt.

Der HERR schmunzelte wieder vergnügt. Genau so hatte er es vorhergesehen. Und es war gut so. Nun waren alle wohlbeschäftigt nach ihrem Sinn. Er schaute überall zu und war voller Mitfreude mit seinen kleinen Seelchen.

Da fiel sein Blick etwas überrascht auf einen einzig Übriggebliebenen direkt neben ihm. „Nanu?“, sagte er. „Du bist noch da? Mit all den Schönheiten meines Paradieses konnte ich Dich wohl nicht in die Welt locken? Und auch die ganzen Schrecken meiner Hölle haben Dich nicht zum Fortlaufen gebracht?

Nach einer kurzen Pause setzte er mit einem gütigen und interessierten Lächeln hinzu:

„Dich kann man wohl gar nicht beeindrucken, was?“.

Da antwortete das kleine Kerlchen: „Ich dachte, am allerschönsten und sichersten ist es, wenn ich bei Dir bleibe, Papa.“
 

Ach, wie schön, daß ich diese Notizen bei meinem letzten Umzug wiedergefunden habe.


8. Dezember 2025

[Betrachtung] Schnee von Heute


Lieber Leser, in der nachfolgenden Betrachtung geht es um überhaupt nichts Bedeutsames, weder um Drama noch Pathos noch Krieg und Frieden, nicht um Uwe Tellkamp noch Eierkuchen – und selbst der Humoranteil ist maßvoll schaumgebremst. Bitte erwarten Sie infolgedessen nichts fulminant Weltbewegendes. Die gewöhnlichen Themen sind: Schnee, Bier und deutsche Sprache. Vielleicht kann ich mich damit als Leitartikler bewerben bei der Köthener Rundschau oder der Süddeutschen. Zu allem Überfluß – oder Unterfluß? – kommt der Beitrag auch noch mit schlichten Alltagswörtern aus. Immerhin ist er also gut verständlich. Außer am Schluß.

 

„Aput, kavilisik, matsaaq, maujaq, sikuaput, pukak“: Das alles seien Begriffe für Schnee, unter anderen. Und zwar in einer Inuit-Sprache. Sie wissen schon, die Eskimos hätten angeblich um die 30 verschiedene Wörter für das weiße Zeuch. Na und? Wir haben sie auch, sonst könnte man die Begriffe ja gar nicht sinnvoll übersetzen, ge? Der Reihenfolge des Anfangs nach: „Schnee, Harsch, Neuschnee, Tiefschnee, Schneeeis, Firnschnee“. Und darüber hinaus kenne zumindest ich – Sie vielleicht auch? – noch fast unendlich viele Schneearten, -sorten und -formen. Beispielsweise Weißschnee, Naßschnee, Pulverschnee, Griesschnee, Graupelschnee, Trockenschnee und Dauerschnee, Waldschnee, Bergschnee, Wiesenschnee und Auenschnee, Krümelschnee und Körnerschnee, Kiesschnee und Kaldaunenschnee, Koksschnee und Klimbimschnee. Ferner Gelbschnee, Grauschnee, Blauschnee, Nachtschnee, Kunstschnee und Naturschnee; Silberschnee und Schneeschnee. Süßschnee, natürlich, Salzschnee und Sonnenglitzerschnee. Sibirienschnee. Krachschnee, Kratzschnee, Kumulationsschnee, Kümmeltürkenschnee; Stillschnee, Schaumschnee, Bierschnee (nicht zu verwechseln mit Urinschnee!), Tauschnee und Zuckerschnee. Und mindestens noch 1122 weitere Sorten Schnee.  Ich gebe übrigens zu, Tau-Schnee sollte man besser mit Bindestrich schreiben.

Das glauben Sie nicht? Ich will ja nun nicht jeden Leser langweilen durch eine Aufzählung aller, denn es soll vereinzelt Leute geben, die das nicht so arg interessiert, weil sie sowieso ab November entweder nach Madeira fliegen oder nicht mehr rausgehen bis Himmelfahrt. Schicken Sie mir deshalb bitte einen ausreichend frankierten Rückumschlag (plus angemessenem Unkostenbeitrag): dann sende ich Ihnen gern die vollzählige Liste.

Und jetzt zu den Dauernörglern und Besserwissern. Ich weiß schon, SIE da! SIE haben doch eben schon innerlich aufgemuckt: Wahrscheinlich bereits bei Wald- und Bergschnee, spätestens aber bei meinem Kaludaunenschnee. Stimmts? Was das sein soll? Meine Güte, ist das so schwer, verstehen Sie kein Deutsch? Waldschnee liegt im Wald, Bergschnee liegt auf dem Berg, und Kaldaunenschnee ist unsauber aufgeworfenes Schneegekrümel. Und übrigens etwas unappetitlich anzusehen. Schneeschnee ist übrigens ganz gewöhnlicher Weißschnee, der ohne jede weitere Besonderheit auskommt, also nach nichts schmeckt und olfaktorisch nichts hergibt, undifferenziert mittelkalt ist, keinerlei Farbtönung aufweist, so gut wie keine Geräusche macht – weder beim Fallen noch beim Drauftreten oder Drübergleiten – aus nichts als Wasser besteht und nur in Gegenden vorkommt, die jeder Beschreibung spotten. Und deshalb dort auch kaum liegenbleibt, wie etwa der berühmte Dauerschnee, der ewige Zeitschnee oder Ewigfrostschnee, den der Kenner allerdings unterscheidet von Ewigfrostharsch, und ebenso von Polarschnee.

Na, ich ahne es schon! Die Zehnmalklugen und überstudierten Logik-Philosophiker sowie die eine oder andere Germanistikstudentin verweisen jetzt auf die nicht immer saubere Unterscheidungsmöglichkeit und mehr noch die Vermischung der Quer- und Horizontalebenen.

(Apropos, den überaus wichtigen Horizontalschnee gilt es unbedingt noch zu erwähnen, selbst in einer derart auf die absolut unumgängliche Grundessenz eingedampften Basisaufzählung aller Schneesorten: Und sei sie auch nur exemplarisch und pars pro toto, sozusagen. Ach ja, Holzschnee nicht zu vergessen.)

Nun, meine verehrten Damen und Herren! (Vor allem die Herren Biertrinker.) Ist Ihnen schon mal aufgefallen in Ihren phantasielosen Alltagsträumereien und oder gar im alkoholischen Rausch, daß es im Deutschen hochoffiziell mindestens drei Dutzend Namen für Biersorten und -typen gibt, die miteinander so gut kohärent kongruieren wie alles, was in einem städtischen Parkabfalleimer theoretisch nur landen kann? Inklusive Plastik vom gelbem Sack, Asche und Atommüll plus Kompost? Daß da null Logik herrscht? (Natürlich nicht, Ihr tumben Suffköppe!)

Ich zähle also auf, ohne mir nur einen Tropfen davon selbst auszudenken: Landbier, Steinbier, Weizenbier und Roggenbier, Rotbier, Hefebier, Pils, Dünnbier, Mixbier, Reisbier, Porter, alkoholfreies Bier, Bockbier, Starkbier, Schankbier, Lagerbier, Faßbier, Altbier, Schwarzbier, Rauchbier. Bevor ich weitermache: Wie heißt demnach ein Gebräu, welches von schwarzer Farbe und geräuchert ist, mit hohem Alkoholgehalt, nach Art eines Bockbiers gebraut und lange gelagert, aus dem Faß im Keller stammt und am Tresen ausgeschenkt wird? Und dann noch vom Land kommt und hohen Roggenanteil aufweist? Und für Liebhaber mit einer Limo gemischt wird, also eigentlich Radler heißen müßte?

Ich rechne hinzu: Kirschbier und Bananenweizen, helles und dunkles Weißbier (!), Vereinsbier, Helles, Radler, Exportbier, Diätbier, Weihnachtsbier, Malzbier, Vollbier, Spezi und Leichtbier, Märzen, Kristall, Berliner Weiße, Festbier, Zoigl und Gose. Das wären so etwa die offiziellen Bezeichnungen, die man mühelos in jeder größeren Getränkebude finden kann. Und wieder stellt sich die Frage: Was ist, wenn eine Berliner Weiße von einer Potsdamer Vereinsbrauerei abgefüllt wird, durch ihren Schuß und wegen des geringeren Alkoholgehalts eigentlich diätisch ist und zum Fest getrunken und obendrein exportiert wird: Was ist es dann? Ein rotes Helles oder ein Fest-Diätbier oder ein Exportradler? (Meine Sorgen möchte ich haben …)

Wir sind hier, nebenher bemerkt, allein bei den deutschen Bezeichnungen geblieben. Im Ferneren gibt es noch Ale, Strong, Gruit, IPA, Mocne, Dubbel und Tripel und wiederum einige Handvoll Sorten, die alle das mehr oder weniger Gleiche bedeuten. Hier wie dort. Marktgeschrei, nichts als das, und je mehr davon draußen auf dem Etikett, desto weniger Gehaltvolles drinnen in der Bouteille. Außer bei Whiskeybier. Im Grunde wie im richtigen Leben.

Und nun zu den halboffiziellen Bieren. Was ein Hüttenbier ist, wird man niemandem erklären müssen, nicht mal Bauingenieuren (die üblicherweise nur Billigstbräu trinken, dafür in rauhen Mengen.) Oder ein Kuschelbier oder ein Zapfbier oder ein Morgenbier oder ein Zwischendurchbier, auch Wanderbier genannt. Ein Wanderbier ist dabei allerdings, das sei zu beachten, zweierlei: Entweder ein solches, das man in der Natur am ersten Wegweiser trinkt, um den Rucksack etwas leichter werden zu lassen, am zweiten, um sich vor dem Aufstieg zu motivieren, am dritten, um sich für diesen zu belohnen – hier bisweilen auch Gipfelbier genannt – und am vierten gegen den echten Durst. Und das sich dann zum Feierabendbier gesellt als Abschlußbier, bevor das Schlußbier (alias Nachttrunk) kommt. In diese den meisten noch zugängliche Kategorie fallen auch das Bergsteigerbier, das Fußballbier und das Kollegenbier, ferner das Messebier, Mädchenbier, Genußbier, Hotelbier, Eisbier, Umtrunkbier, Grillbier, Einsamkeitsbier, Hausbier, Kirchweih- und Kirmesbier und das Prostestbier. Und abermals 1122 weitere.

Nun zu den wirklich ungewöhnlicheren Arten. Da wäre beispielsweise das Muhmenbier, welches einzig und allein älteren Damen aus der Verwandtschaft serviert wird, sofern sich unerwartet einfindend. Oder das ähnlich gelagerte Hexenbier, welches inds allein im Harz getrunken wird, und auch das nur zu besonderen Nächten. Höhlenbier – ein namentlich scheinbar harmloses, in Wirklichkeit aber sensationell wirkendes Gebräu, üblicherweise bei Untertage-Übernachtungen verköstigt. (Nur mit einem solchen sind derartige Paradoxien überhaupt durchführbar.) Bierfexe trinken Susannenbier, dessen sagenumwoben frivole Wirkung hier nicht weiter erörtert werden soll und wahren Liebhabern vorbehalten bleibt. Auch über das (zum Glück eher seltene!) Transsylvanien- oder Blutrunstbier soll man besser schweigen, stattdessen lieber zum Adleraugenzwickel greifen. Jeder Hopfenkenner weiß den erstklassigen Effekt einer solchen Malzbrause im Hinblick auf die weibliche Abendgesellschaft im Hintergrund der Bar zu schätzen. Dem folgt anschließend gern ein Mustang- oder Hengstbier, welches wiederum mit einem Genuß(abschluß)bier gern abgerundet wird. Sofern nicht ein Gipfelbier dazwischengerät welches nicht zu verwechseln ist mit dem oben genannten Bier gleichen Namens.

Bis hierhin habe ich zumindest der episkopalen Trunkelite noch nichts Neues erzählt. Ein gutes Stück exotischer wird es dann schon mit Annanaß-Kölsch (nur Muggel-Dumpfbacken vermuten hier einen Schreibfehler), Raketenpils oder Steinkroller Ur-Dampfbräu. Oder Altenzäpfler Spinnsud. Oder Rotschwarzem Revolutionsbier. Oder Echtem Bocksbeutel-Starkschaumkristall. Oder Hermundurer Humpenkesselstoff. Welches übrigens in der Starkbierversion mit erhöhtem Stammwürzeanteil Grottentaler Gerstengewitter oder Tennensohler Trolltrunk heißt, in manchen Regionen auch als Morgenländer Malzmet verzapft. 

Im Irdischen wenig gut gelitten ob seiner interstellaren Äthernote ist ja der sogenannte Galaktische Gerstenmost, ebenso wie das Schwarzlöchrige Stoutstronaut. (Ein Malzmost, nach dessen Genuß man regelmäßig in einem Wurmlochtunnel verschwindet – und im schlimmeren Fall tatsächlich auch noch irgendwann wieder aufwacht, irgendwo unter einem Universumsgully.) Dagegen das Nanobock für kleine Abenteuer, winzig in der Flasche, dafür mit maximalem Schub, oder der Terraformertrunk für Pils-Plasmatiker.

Und so weiter, und so weiter. Eigentlich wären wir damit zwar erst ganz am Anfang der wirklichen Gourmettropfen, die um so besser munden, je weiter sie von irgendwelchen Reinheitsgeboten entfernt sind: Mindestens drei Hexakilometer pro Dezibel-Unze in Dreierpotenz. Aber ich wollte Sie ja, wie gesagt, nicht langweilen.

Schließen wir das Ganze also sinnvoll ab. Wenn Ihnen mal wieder jemand was vom Pferd, den Eskimos oder irgendeinen Sülz erzählt davon, das woanders angeblich manches viel größer, schneller oder besser sei, erwägen Sie folgende Fragen: Gibt es dafür bereits ein deutsches Wort, oder kann man notfalls eines erfinden? Oder könnte es schlicht nur Schnee von gestern, wahlweise heute sein? Oder ist derjenige schlicht besoffen? – Und: Wie sinnvoll sind überhaupt Reinheitsgebote, cui bono? Quid quid agis, prudenter agas et respice cervisiae!