
Lieber Leser, in der
nachfolgenden Betrachtung geht es um überhaupt nichts Bedeutsames, weder um
Drama noch Pathos noch Krieg und Frieden, nicht um Uwe Tellkamp noch Eierkuchen – und selbst der Humoranteil ist maßvoll
schaumgebremst. Bitte erwarten Sie infolgedessen nichts fulminant Weltbewegendes. Die
gewöhnlichen Themen sind: Schnee, Bier und deutsche Sprache. Vielleicht kann ich mich damit als Leitartikler bewerben bei der Köthener Rundschau oder der Süddeutschen. Zu allem Überfluß
– oder Unterfluß? – kommt der Beitrag auch noch mit schlichten Alltagswörtern aus. Immerhin ist er also gut verständlich. Außer am Schluß.
„Aput, kavilisik,
matsaaq, maujaq, sikuaput, pukak“: Das alles seien
Begriffe für Schnee, unter anderen. Und zwar in einer Inuit-Sprache. Sie wissen
schon, die Eskimos hätten angeblich um die 30 verschiedene Wörter für das weiße
Zeuch. Na und? Wir haben sie auch, sonst könnte man die Begriffe ja gar nicht
sinnvoll übersetzen, ge? Der Reihenfolge des Anfangs nach: „Schnee, Harsch, Neuschnee, Tiefschnee, Schneeeis, Firnschnee“.
Und darüber hinaus kenne zumindest ich – Sie vielleicht auch? – noch fast unendlich
viele Schneearten, -sorten und -formen. Beispielsweise Weißschnee, Naßschnee, Pulverschnee,
Griesschnee, Graupelschnee, Trockenschnee und Dauerschnee, Waldschnee,
Bergschnee, Wiesenschnee und Auenschnee, Krümelschnee und Körnerschnee,
Kiesschnee und Kaldaunenschnee, Koksschnee und Klimbimschnee. Ferner
Gelbschnee, Grauschnee, Blauschnee, Nachtschnee, Kunstschnee und Naturschnee; Silberschnee
und Schneeschnee. Süßschnee, natürlich, Salzschnee und Sonnenglitzerschnee. Sibirienschnee.
Krachschnee, Kratzschnee, Kumulationsschnee, Kümmeltürkenschnee; Stillschnee,
Schaumschnee, Bierschnee (nicht zu verwechseln mit Urinschnee!), Tauschnee und
Zuckerschnee. Und mindestens noch 1122 weitere Sorten Schnee. Ich gebe übrigens zu, Tau-Schnee sollte man
besser mit Bindestrich schreiben.
Das glauben Sie nicht? Ich will ja nun nicht jeden
Leser langweilen durch eine Aufzählung aller, denn es soll vereinzelt Leute
geben, die das nicht so arg interessiert, weil sie sowieso ab November entweder
nach Madeira fliegen oder nicht mehr rausgehen bis Himmelfahrt. Schicken Sie
mir deshalb bitte einen ausreichend frankierten Rückumschlag (plus
angemessenem Unkostenbeitrag): dann sende ich Ihnen gern die vollzählige Liste.
Und jetzt zu den
Dauernörglern und Besserwissern. Ich weiß schon, SIE
da! SIE haben doch eben schon
innerlich aufgemuckt: Wahrscheinlich bereits bei Wald- und Bergschnee,
spätestens aber bei meinem Kaludaunenschnee. Stimmts? Was das sein soll? Meine
Güte, ist das so schwer, verstehen Sie kein Deutsch? Waldschnee liegt im Wald,
Bergschnee liegt auf dem Berg, und Kaldaunenschnee ist unsauber aufgeworfenes
Schneegekrümel. Und übrigens etwas unappetitlich anzusehen. Schneeschnee ist
übrigens ganz gewöhnlicher Weißschnee, der ohne jede weitere Besonderheit
auskommt, also nach nichts schmeckt und olfaktorisch nichts hergibt,
undifferenziert mittelkalt ist, keinerlei Farbtönung aufweist, so gut wie
keine Geräusche macht – weder beim Fallen noch beim Drauftreten oder
Drübergleiten – aus nichts als Wasser besteht und nur in Gegenden vorkommt, die
jeder Beschreibung spotten. Und deshalb dort auch kaum liegenbleibt, wie etwa
der berühmte Dauerschnee, der ewige Zeitschnee oder Ewigfrostschnee, den der
Kenner allerdings unterscheidet von Ewigfrostharsch, und ebenso von Polarschnee.
Na, ich ahne es schon!
Die Zehnmalklugen und überstudierten Logik-Philosophiker sowie die eine oder
andere Germanistikstudentin verweisen jetzt auf die nicht immer saubere
Unterscheidungsmöglichkeit und mehr noch die Vermischung der Quer- und
Horizontalebenen.
(Apropos,
den überaus wichtigen Horizontalschnee gilt es unbedingt noch zu erwähnen,
selbst in einer derart auf die absolut unumgängliche Grundessenz eingedampften
Basisaufzählung aller Schneesorten: Und sei sie auch nur exemplarisch und pars
pro toto, sozusagen. Ach ja, Holzschnee nicht zu vergessen.)
Nun, meine verehrten Damen
und Herren! (Vor allem die Herren Biertrinker.) Ist Ihnen schon mal
aufgefallen in Ihren phantasielosen Alltagsträumereien und oder gar im alkoholischen Rausch, daß es im Deutschen hochoffiziell
mindestens drei Dutzend Namen für Biersorten und -typen gibt, die miteinander so
gut kohärent kongruieren wie alles, was in einem städtischen Parkabfalleimer
theoretisch nur landen kann? Inklusive Plastik vom gelbem Sack, Asche und
Atommüll plus Kompost? Daß da null Logik herrscht? (Natürlich nicht, Ihr tumben Suffköppe!)
Ich zähle also auf,
ohne mir nur einen Tropfen davon selbst auszudenken: Landbier,
Steinbier, Weizenbier und Roggenbier, Rotbier, Hefebier, Pils, Dünnbier, Mixbier,
Reisbier, Porter, alkoholfreies Bier, Bockbier, Starkbier, Schankbier,
Lagerbier, Faßbier, Altbier, Schwarzbier, Rauchbier. Bevor ich weitermache: Wie
heißt demnach ein Gebräu, welches von schwarzer Farbe und geräuchert ist, mit
hohem Alkoholgehalt, nach Art eines Bockbiers gebraut und lange gelagert, aus
dem Faß im Keller stammt und am Tresen ausgeschenkt wird? Und dann noch vom
Land kommt und hohen Roggenanteil aufweist? Und für Liebhaber mit einer Limo gemischt
wird, also eigentlich Radler heißen müßte?
Ich
rechne hinzu: Kirschbier und Bananenweizen, helles und dunkles Weißbier (!), Vereinsbier, Helles,
Radler, Exportbier, Diätbier, Weihnachtsbier, Malzbier, Vollbier, Spezi und
Leichtbier, Märzen, Kristall, Berliner Weiße, Festbier, Zoigl und Gose. Das
wären so etwa die offiziellen Bezeichnungen, die man mühelos in jeder größeren
Getränkebude finden kann. Und wieder stellt sich die Frage: Was ist, wenn eine
Berliner Weiße von einer Potsdamer Vereinsbrauerei abgefüllt wird, durch ihren
Schuß und wegen des geringeren Alkoholgehalts eigentlich diätisch ist und zum
Fest getrunken und obendrein exportiert wird: Was ist es dann? Ein rotes Helles
oder ein Fest-Diätbier oder ein Exportradler? (Meine Sorgen möchte ich haben …)

Wir
sind hier, nebenher bemerkt, allein bei den deutschen Bezeichnungen geblieben.
Im Ferneren gibt es noch Ale, Strong, Gruit, IPA, Mocne, Dubbel und Tripel und
wiederum einige Handvoll Sorten, die alle das mehr oder weniger Gleiche
bedeuten. Hier wie dort. Marktgeschrei, nichts als das, und je mehr davon
draußen auf dem Etikett, desto weniger Gehaltvolles drinnen in der Bouteille. Außer
bei Whiskeybier. Im Grunde wie im richtigen Leben.
Und nun zu den
halboffiziellen Bieren. Was ein Hüttenbier ist, wird man
niemandem erklären müssen, nicht mal Bauingenieuren (die üblicherweise nur Billigstbräu
trinken, dafür in rauhen Mengen.) Oder ein Kuschelbier oder ein Zapfbier oder
ein Morgenbier oder ein Zwischendurchbier, auch Wanderbier genannt. Ein Wanderbier ist dabei allerdings, das sei
zu beachten, zweierlei: Entweder ein solches, das man in der Natur am ersten
Wegweiser trinkt, um den Rucksack etwas leichter werden zu lassen, am zweiten,
um sich vor dem Aufstieg zu motivieren, am dritten, um sich für diesen zu
belohnen – hier bisweilen auch Gipfelbier genannt – und am vierten gegen den echten Durst. Und das sich dann zum Feierabendbier gesellt als Abschlußbier, bevor das
Schlußbier (alias Nachttrunk) kommt. In diese den meisten noch zugängliche
Kategorie fallen auch das Bergsteigerbier, das Fußballbier und das Kollegenbier,
ferner das Messebier, Mädchenbier, Genußbier, Hotelbier, Eisbier, Umtrunkbier,
Grillbier, Einsamkeitsbier, Hausbier, Kirchweih- und Kirmesbier und das
Prostestbier. Und abermals 1122 weitere.
Nun zu den wirklich
ungewöhnlicheren Arten. Da wäre beispielsweise das
Muhmenbier, welches einzig und allein älteren Damen aus der Verwandtschaft
serviert wird, sofern sich unerwartet einfindend. Oder das ähnlich gelagerte Hexenbier, welches inds allein im Harz getrunken wird, und auch das nur zu besonderen Nächten.
Höhlenbier – ein namentlich scheinbar harmloses, in Wirklichkeit aber
sensationell wirkendes Gebräu, üblicherweise bei Untertage-Übernachtungen
verköstigt. (Nur mit einem solchen sind derartige Paradoxien überhaupt durchführbar.) Bierfexe trinken Susannenbier, dessen sagenumwoben frivole Wirkung
hier nicht weiter erörtert werden soll und wahren Liebhabern vorbehalten bleibt.
Auch über das (zum Glück eher seltene!) Transsylvanien- oder Blutrunstbier soll man
besser schweigen, stattdessen lieber zum Adleraugenzwickel greifen. Jeder
Hopfenkenner weiß den erstklassigen Effekt einer solchen Malzbrause im
Hinblick auf die weibliche Abendgesellschaft im Hintergrund der Bar zu
schätzen. Dem folgt anschließend gern ein Mustang- oder Hengstbier, welches wiederum mit
einem Genuß(abschluß)bier gern abgerundet wird. Sofern nicht ein Gipfelbier
dazwischengerät – welches nicht zu verwechseln ist mit dem oben genannten Bier
gleichen Namens.
Bis hierhin habe ich
zumindest der episkopalen Trunkelite noch nichts Neues erzählt. Ein
gutes Stück exotischer wird es dann schon mit Annanaß-Kölsch (nur Muggel-Dumpfbacken vermuten hier einen
Schreibfehler), Raketenpils oder Steinkroller Ur-Dampfbräu. Oder Altenzäpfler Spinnsud. Oder Rotschwarzem Revolutionsbier. Oder Echtem Bocksbeutel-Starkschaumkristall.
Oder Hermundurer Humpenkesselstoff.
Welches übrigens in der Starkbierversion mit erhöhtem Stammwürzeanteil Grottentaler Gerstengewitter oder Tennensohler Trolltrunk heißt, in
manchen Regionen auch als Morgenländer
Malzmet verzapft.

Im
Irdischen wenig gut gelitten ob seiner interstellaren Äthernote ist ja der
sogenannte Galaktische Gerstenmost,
ebenso wie das Schwarzlöchrige
Stoutstronaut. (Ein Malzmost, nach dessen Genuß man regelmäßig in einem
Wurmlochtunnel verschwindet – und im schlimmeren Fall tatsächlich auch noch irgendwann
wieder aufwacht, irgendwo unter einem Universumsgully.) Dagegen das Nanobock für kleine Abenteuer, winzig in
der Flasche, dafür mit maximalem Schub, oder der Terraformertrunk für Pils-Plasmatiker.
Und
so weiter, und so weiter. Eigentlich wären wir damit zwar erst ganz am Anfang
der wirklichen Gourmettropfen, die um so besser munden, je weiter sie von
irgendwelchen Reinheitsgeboten entfernt sind: Mindestens drei Hexakilometer pro
Dezibel-Unze in Dreierpotenz. Aber ich wollte Sie ja, wie gesagt, nicht
langweilen.
Schließen wir das Ganze
also sinnvoll ab. Wenn Ihnen mal wieder jemand was vom
Pferd, den Eskimos oder irgendeinen Sülz erzählt davon, das woanders angeblich manches
viel größer, schneller oder besser sei, erwägen Sie folgende Fragen: Gibt es
dafür bereits ein deutsches Wort, oder kann man notfalls eines erfinden? Oder
könnte es schlicht nur Schnee von gestern, wahlweise heute sein? Oder ist
derjenige schlicht besoffen? – Und: Wie sinnvoll sind überhaupt Reinheitsgebote,
cui bono? Quid quid agis, prudenter agas et respice cervisiae!