22. August 2025

[Buchbesprechung] Eco´s ROSE - bloß von Temu

Avignon um 1329. Der alte, aber gerissene französische Bankier und Geschäftsmann Jean von Cahors agiert als Papst Johannes und malträtiert rigoros die gesamte Christenheit – im tödlichen Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayer, der unterdessen einen Gegenpapst in Rom einsetzt, wobei sich beide Rivalen gegenseitig als Ketzer ächten. Es geht neben Geld nur um drei Sachen: Macht, Macht und Macht. Spannende historische Kulisse, möchte man meinen! 

--- "DIE SCHWARZE ROSE" - Dirk Schümer (2023) ---

Ach, ach! Keine Seite des Buchs gelesen ohne Frust, und doch bis über die Mitte durchgekämpft – allein das schon rund 300 Seiten. Dabei fühle ich mich dem Autor insofern verbunden, daß auch er sich offenbar von dem Jahrhundertroman Ecos, „Der Name der Rose“, hat durchdringen und umfänglich begeistern lassen! Dessen epochemachendes Werk, weithin bekannt geworden erst durch den unendlich dichteren und erheblich dramatischeren Film gleichen Namens Bernd Eichingers von 1986, nun fortzuführen ist eine fast schon jenseitig großartige Idee. Unbedingt wünschenswert! Doch dafür muß man das Format eines Ecos haben. Und das hat der Autor nicht ansatzweise. Leider! Gewiß steckt in dem anspruchsvollen Werk enorm viel Wissen auf Basis einer gründlichen Geschichtsrecherche, das muß anerkannt werden; und man kann also auch vieles lernen über jene Zeiten – oder das zumindest, was uns die Historiker glauben machen wollen. Doch ein beliebiger Kirchenmusiker ist eben kein Johann Sebastian Bach.

Die neue Rosen-Geschichte trägt einfach nicht. Der Autor versteht es nicht, einen durchgehenden Spannungsbogen aufzuwölben: es bleibt allenfalls streckenweise mäßig spannend. Mord, Totschlag, Verdächtigungen und vermeintliche Furcht von Anfang bis Ende gleichermaßen, dabei keinerlei Klimax. Obwohl der Protagonist an allen Ecken und Enden sogleich zwischen alle Fronten gerät, ihn die schier unglaublichsten Zufälle vom Beginn an als den kleinsten Krümel zwischen die Mühlsteine jeglicher Machtinteressen aller ganz Großen quetscht und er also dauernd bestensfalls um seine körperliche Unversehrteit und sein Seelenheil, schlechtestensfalls um sein Leben fürchten muß (oh Scheiterhaufen, Scheiterhaufen! – Schürmer liebt ihn), bleibt er erstaunlich unbeeindruckt und kühl handelnd. Und dabei farblos und blutarm wie alle anderen Charaktere.  

Es gibt viel zu viel Personal, welches indifferent bleibt, und bei dem jeder Charaker fast auf die gleiche Weise spricht (nein, erstaunlich offenherzig drauflosplappert!) und handelt – ob nun Dominikaner, Franziskaner, Jude, städtischer Bankier oder Krämer, Bauernsohn oder Philister. Ob Franzose, Deutscher, Engländer oder Italiener. Ob jung oder alt. Die Dialoge sind hölzern und meist völlig unrealistisch, weil der Autor seinen Lesern durch seine Handelnden viel zu viel von seinem Geschichtswissen zu erklären versucht. „Wir Italiener …“ Dabei ist sein Grundschema unglaublich simpel: Böse, machtbesessene katholische Kirche und Inquisition samt all ihren Protagonisten dort, alle anderen leidlich passabel hier. Der Papst auf jeder zweiten Seite als angeblich alles kontrollierende Instanz: so wie in einer Guido-Knopp NS-Doku, in welcher der Führer jeder Marie in den Topf guckt und alle Schnürsenkel ím Reich persönlich mit Namen kennt.

Schümer beschreibt die Geschichte also so, wie ein 18jähriger sich die mittelalterliche Welt vorstellt, nachdem er das erste Mal Eichingers wuchtigen Bombast-Kinofilm vom „Namen der Rose“ gesehen hat – nämlich ziemlich einseitig und naiv. Obwohl er wiederum mit enorm viel enzyklopädischem Wissen aufwartet. Insofern wäre es sicher besser gewesen, er hätte ein prosaisches Sachbuch über Meister Eckehardt und dessen Häretikerprozeß in Avignon geschrieben.

Das ist nun das Schöne an dem Roman: Der lokale Bezug. Der Einfall, den (viel zu wenig bekannten!) Mystiker aus Erfurt in den scheinbaren Mittelpunkt des Romans zu stellen, ist ein guter. Die deutsche Sichtweise auf die Sache ist ebenfalls erfreulich. Grandios, an Ecos Werk zeitlich unmittelbar anzuschließen, und also sogar dessen Hauptpersonen wieder auftreten zu lassen. William von Baskerville, William von Ockham, Michael von Cesena, Ubertin von Casale, Berhard Gui … alle wieder da! Doch der Autor kann sich nicht entscheiden, ob er Eco fortführt, oder ob er ihn lieber kopiert? Das ist durchweg ärgerlich und macht den ganzen schönen Einfall und Entwurf völlig kaputt. Einserseits setzt er also fort, wie gesagt, andererseits versucht er genau gleich Ecos Roman abzukupfern! Meister und Novize als die Guten, Papst und Inquistion als die sinistren Gegenspieler; der theologische Streit und die Machtspielchen als Hintergrund; ominöse Morde und uralte Handschriften, die plötzlich wieder auftauchen und um derentwillen gemordet wird hinter jeder Ecke. Dabei scheut sich Schürmer nicht, vereinzelt wortgetreu Sätze und Wendungen aus Ecos Roman zu übernehmen, ohne sie natürlich als solche zu kennzeichnen – schließlich ist es ja ein Roman, kein Geschichtsbuch. Das kann als Remineszenz eines Inspirierten gegenüber dem Original gelten, aber es paßt nicht und wirkt hier lustig, dort lächerlich. Weder sprachlich noch erzählerisch kommt der Autor an Ecos „Rose“ auch nur annähernd heran, obwohl er das erkennbar versucht. 

Und eben das ist peinlich: Weder souveräne Neuerzählung oder Abkopplung, noch angeglichene Weitererzählung oder gar Fortsetzung. Der Roman Schümers ist weder Fisch noch Fleisch. Hieße er irgendwie – vielleicht „Düstere Machenschaften in Avignon“ oder „Meister Eckerhardts Ketzerprozeß“ – gäbe es wenig Erwartungen, und die Meßlatte des historischen Durchschnittsromans für jedermann wäre hinreichend niedrig, um sie zu überspringen. So erkennbar, wie der Titel „Die schwarze Rose“ um den Vergleich mit Eco buhlt, muß er sich auch an ihm messen lassen. Dabei scheitert er kläglich.

Rein formal mißlungen und verständnishemmend ist übrigens die Modetorheit, keinerlei Anführungszeichen für Dialoge zu setzen: man rätselt daher als Leser unentwegt, wer was wann sagt?! Unschön für freiere und feinere Geister die ferner auch zwischen den Zeilen durchdringende Vermutung, daß der Autor (oder das Lektorat?) abolut nicht unabhängig vom irrlichternden Zeitgeist ist: Wenn der Erzähler viele Male hintereinander beispielsweise von „Schwarzen“ spricht, ohne auch nur wenigstens ein einziges Mal abzuwechseln zu den sicher seinerzeit zeitgemäßeren „Mohren“ oder „Negern“ oder sonstwie originelleren Synonymen, wähnt man rasch übermäßg politische Korrektheit. Die am allerwenigsten in einem historischen Roman etwas zu suchen hat! Wenig erstaunlich denn auch die Darstellung, daß die Juden und die Armen hier die braven Opfer markieren, und die Reichen und die „offiziellen“ Christen die Obskuranten.

Auch der sonstweg eher plump zu nennende Stil scheint unpassend; der Roman ist quasi „in leichter Sprache“ geschrieben. Die muß man zwar heutzutage überall befürchten, zuallerletzt aber bei einer Eco-Anlehnung! Sagen wir lieber: „Eco-Persiflage“; unwitzige und ungewollte.

Kurz: Eine Lesempfehlung nur für einfältige Gemüter ohne Eco-Erfahrung.

 

 

 

15. August 2025

[Philosophische Betrachtung] Die Medfux´sche Unbewußtheitsrelation!


Lieber Leser, ja Sie!,

sind Sie bereit für etwas wirklich Neues? Einzigartiges? Unerwartetes? Haben Sie eine wahre Alchemistenseele in sich, einen kleinen neugierigen Forscher, der eeendlich mal etwas noch nie Dagewesenes erleben will – und das ganz gefahrlos nur durch Lesen, gemütlich am Kamin mit einem Glas Dampf-Rotwein an der Hand, besser noch einem dunklen Schokoladenbier mit zartem Apfelsinenaroma? Ja?

Fein! Dann lesen Sie bitte weiter. Hier jetzt! Ich kombiniere im Folgenden zwei bekannte Dinge so raffiniert zu einem gelungenem Text, um nicht zu sagen einer Offenbahrung –  ich mische zwei herkömmliche Zutaten so gekonnt zu einem köstlichen und nahrhaften Soufflee – daß Sie höchste Bildung und feinste Unterhaltung in EINEM erhalten können. Und das auch noch gleichzeitig! (Nein, Sie brauchen mir nicht extra zu danken: Ist ja schließlich mein Beruf, wofür bin ich Dichter und Denker?)

Ja, es geht um echte Wissenschaft. Und es geht um Humor, dennoch. Ich beende hiermit endlich die staubtrockenen Zeiten, in denen entweder wahnsinnig ernste Mathematiker und Astrophysiker in ihrem Fachgebiet bierernst herumstochern und die darin enthaltenen staubtrockenen Wissenskörner herauspulen und ungesiebt auf den Tisch fallen lassen, oder selbsternannte Esoterikschrottverkäufer und angeblich mit aufgestiegenen Meistern in Verbindung stehende selbsternannte Heiler von ihren angeblichen Mystikerfahrungen überpathetisch schwadronieren – und Sie am Ende entweder nicht mehr wissen als das, was entweder bei Wikipedia zum Thema steht, oder überhaupt nichts begriffen haben. Und andererseits Komiker zwar witzig formulieren, aber dabei hautpsächlich nur alte Schläuche anbohren und Dünnporter austräufeln.

Fertig? Sind Sie soweit? Jetzt geht’s los! Anschnallen ist angesagt.

Es geht um die Heisenberg´sche Unschärferelation. Deren prägnanteste Aussage, salopp und volkstümlich formuliert, besagt, daß der Beobachter eines Experimentes den Ausgang eben dieses Experiments bereits selbst beeinflußt, ohne überhaupt einzugreifen: Schlichtweg nur durch seine Beobachtung. Das soll im engeren Sinne unseres Kameraden Heisenberg nur im Mikrokosmos so sein, auf Teilchenebene. Also in dem Bereich, den grundsätzlich keiner sehen kann, und der am heimischen Kamin oder in der Kneipe für niemanden eine Rolle spielt. 

Mag alles sein. Es ist ja auch leicht, scharfe Theorien zu formulieren über Bereiche, die eh keiner überprüfen kann. Noch dazu, wenn diese Nichtüberprüfbarkeit per se schon in der Behauptung selbst mit eingebaut ist, siehe Unschärferelation, nicht wahr?

Wir können jedoch bedenkenlos anhand eigener Lebenserfahrung und logischer Ableitung festellen, daß die Aussage jener „Unschärfe“ auch im Mesokosmos zutrifft. Also in unserer gewohnten und sichtbaren Umgebung auf Hutgröße. 

Nun …  ob SIE das so können, weiß ich nicht. Aber ich kann es. Und ich halte mit meinen Erkenntnissen natürlich nicht hinter dem (Heisen)Berg, sondern öffne die Schleusen meines universalen Wissens und flute großzügig und gratis mit den Wogen der Erkenntnis die Menschheit. Wenn ich schon mal in Form bin und nebenher die Dichtung revolutioniere. Also halten Sie sich nun fest an irgendwas Schwimmfähigem, bitte!

Also! Der Beobachter verändert laut unserem Nobelpreisträger Werner H. das zu Beobachtende. Immer. Beispiel: Selbstverständlich benehmen sich zwei junge Frauen unter der Dusche ganz anders, wenn ich sie dabei sichtlich beobachte, als wenn diese allein unter sich wären. (Und dabei habe ich noch nicht mal von Eingreifen ins Experiment gesprochen, was zu noch ganz anderen Ergebnissen führen würde, aber hallo!) 

Oder: Wenn Sie als Journalist oder Youtuber (oder wie diese ganzen Wichtigtuer heutzutage heißen) jemanden mit der Kamera bei irgend etwas Beliebigem porträtieren, tut der oft überhaupt nur Dinge, die ohne Beobachtung gar nicht stattfänden. Schalten Sie einfach die Glotze ein. Alles, aber auch alles, was da läuft, würde so überhaupt nicht stattfinden, gäbe es keinen, der es filmte. Und ja, ich rede hier selbstverständlich nicht von Fiktionalem, sondern angeblich Dokumentarischem. Und das Glühbier vor Ihnen auf dem Tisch, wo war es gerade eben noch? Jetzt ist es (hoffentlich) da. Aber wo war es gerade eben noch, als sie meinen fundamentalen Aussagen erstaunt und hingerissen lauschten?

Und jetzt kommt der Knüller! ACHTUNG! Klammern Sie sich bitte ganz fest! So fest, daß es fester nicht mehr geht - vielleicht am Busen einer drallen Sophie - andernfalls ertrinken sie unter der Flutwelle der nun formulierten Erkenntnis, die ich vorsichtshalber leicht untertreibend nur die „Medfux´sche Unbewußtseinsrelation“ nennen will: Das, was Sie beobachten - gleich was, gleich wo, gleich wie - findet überhaupt nicht statt, wenn sie nicht daran denken. Jawohl! Es findet gar nicht statt. Überhaupt nicht. Ist schlichtweg nicht da. Nirgends. Nitschewo njet. Njente, nada! Sie verändern es nicht etwa nur durch Ihr Denken und (dann) Beobachten, sondern Sie erschaffen es erst durch ihr Denken. Jawohl. Sie sind der Schöpfer des Ganzen. Jeglichen Experiments. Jeglichen Dings. Jeglicher Sache. Wahrlich.

Was, glauben Sie nicht? Ha! Schon haben Sie es damit bestätigt. Sie denken den Zweifel, schon ist er da. Sie denken an die angeblich unabhängig von ihnen bestehende Realität (oder das nun schon halbleere Glas), schon ist sie (oder es) also da. Zumindest in ihren Gedanken.

Widerlegen Sie das mal! Können Sie nicht, stimmt´s? Natürlich nicht. Bevor Sie etwas widerlegen wollen, müssen Sie erst dran denken. Sehen Sie, mein überaus praktisches Theorem, jeden Moment durch Bewußtheit beweisbar, ist völlig wasser- und malzdicht. Das habe ich natürlich absichtlich so gemacht, damit weder Sie noch irgendwer sonst gleich gedanklich aufweicht oder fortgerissen wird von der geistigen Monsterwelle. Oder irgendwer mal wieder zu diskutieren anfängt – ich bin es nämlich, ehrlich gesagt, leid, mit Schwachköpfen wie Ihnen über Offensichtliches zu disputieren. Schließlich versuche ich meinem Kater auch nicht beizubringen, wo man den günstigsten Schlemmerhappen mit Mäusegeschmack für ihn kauft, sondern stelle ihm den eben einfach hin, basta. Meinetwegen muß er ihn ja nicht fressen. 

Nebenher: Das Theorem geht klar über das hinaus, was eine sogenannte „Vermutung“ in der Mathematik ist, nämlich eine bis auf Weiteres oder die Unendlichkeit nicht überprüfbare Behauptung, die weder beweis- noch widerlegbar sei. Sowas wie die „Goldbach´sche Vermutung“, eines der 23 Hilbert´schen Probleme. Es ist nämlich unwiderlegbar beweisbar. Toll, oder?

Ich gebe zu, das war jetzt nur ein kleiner Einschub, mit dem ich etwas glänzen wollte. Kann man auch mal machen. Wenn ich dran denke, was sich sonst schon alles weglasse an Überragendem … und daß ich schon allein auf philosophischem Wege beweisen konnte, daß zumindest die > Existenz von Bielefeld keineswegs beweisbar sei, entgegen allen Vermutungen – und mir das Eine-Million-Preisgeld konsequenterweise auch nicht angewiesen wurde, weil offenbar kein echter Bielefelder existiert … na, egal. Wer angibt, hat mehr vom leben. Heißt es doch!

Nein, Sie müssen nicht vor mir auf die Knie gehen. Ich verabscheue Unterwürfigkeit. Auch dann nicht, wenn Sie gegen jede Annahme wirklich verstanden haben sollten, was ich meine. Ich bin es gewohnt, unverstanden und allenfalls belächelt zu sein. Was soll´s, Schopenhauer hatte auch nur einen Schüler, der ihn noch dazu mißverstanden hat – und Nietzsche nicht mal den.

Und ja, ich verzichte auch auf den Nobelpreis, sei es der für Physik für das Theorem oder in Sachen Literatur für meinen Kunstgriff der heiter fomulierten Wissenschaft. Auch der alternative Friedensnobelpreis für die endgültige Einigung von Materialismus und Idealismus darf an jemand anderen gehen. Wie wäre es mit Ihnen? Ja, Ihnen selbst?

Denken Sie halt ein bißchen drüber nach, lassen sie die staunenden Erkenntnisse ein wenig setzen und sich läutern, und posaunen Sie Ihre neuen Einsichten danach einfach in die Welt hinaus. In die, die sie sich vorher ausdenken. Am besten gleich eine mit verständigen Leuten – das zumindest können Sie ja gleich mal besser machen als ich. Damit hat´s auch wenigstens eine kleine Eigenleistung.

Auf Ihr Wohl! Ich gratuliere vorab, denn ich bin dann schon mal weg. Muß schlafen gehen.



 

 

 

 

 

 

19. Mai 2025

[REPORTAGE] Mit Grubenrad und Wathose durch den weltlängsten Tunnel


 
 
Es gibt um den Globus nur eine Handvoll ähnlich lange Untertagewege: Unter den Alpen hindurch für Autos, in Peking für die U-Bahn, in Finnland für die Trinkwasserversorgung. Die meisten zwischen 50 und 60 Kilometer lang (etwa die Luftlinie München-Augsburg, Dresden-Bautzen, Düsseldorf-Köln), alle aus den letzten Jahrzehnten. Der „Rothschönberger Stolln“ bei Freiberg in Sachsen dagegen mit seinen insgesamt 50 Kilometern Länge wurde schon vor 1878 aufgewältigt - in rund 300 Metern Tiefe! Damit ist er, Tiefe und Länge zusammen betrachtet, nach wie vor der längste Wasserlösestollen der Welt. Notwendigerweise durchgehend mit Minimalneigung: eine technische Großmeisterleistung in Vermessung und Bau. Das unvorstellbar niedrige Gefälle: Durchschnittlich eine Handspanne auf 100 Meter, fast nichts! Zur ungefähren Anschauung: Stellen Sie sich eine vor Ihnen auf dem Tisch liegende große Torte vor; nun fädeln sie von links und rechts gleichzeitig zwei Stricknadeln nach innen gerichtet so ein, daß die Spitzen in der Kuchenmitte möglichst direkt aufeinandertreffen. Und das mit geschlossenen Augen! Denn die Erbauer, die von mehreren Lichtschächten erst senkrecht in die Tiefe bohrten und von dort aus aufeinander zugruben, im Schein von Rüböl- oder auch schon Benzinlampen, sahen ja das Ganze nicht im Überblick. Sie hatten unter Tage nur Hängekompaß und Gradbogen als Neigungsmesser, neben den Vermessungskarten vom oberirdischen Gelände und teilweise bereits vorliegenden Grubenrissen der Markscheider. Noch geringer geneigt als geplant, nämlich die bereits angesprochenen 2-3 mm durchschnittlich pro Meter, darf der Stollen nicht sein, sonst fließt nichts mehr; vorsichtshalber etwas abschüssiger bauen geht aber auch nicht, sonst kommt man am weit entfernten Ziel unter der Höhe des Tals heraus, in dem der entwässernde Fluß fließt. Es hat geklappt: Nach Unterquerung von zwei anderen Tälern, unter anderem auch der Freiberger Mulde, ergießt sich das Grubenwasser aus den viel weiter südlich gelegenen Bergbaurevieren punktgenau in die Triebisch. Wen wundert´s eigentlich, wenn einer der ersten Planer des Stollens ein Sohn unseres großen Gottfried Herders war?

 

Wathose an, Helm mit eingeschaltetem Geleucht aufgesetzt, in den Fahrkorb rein und Gittertür zu. Dann rund 10 Minuten in die „Teufe“ rumpelnd, fast 300 Meter. Nicht nur senkrecht, sondern teilweise deutlich schräg: Die Schwerkraft drückt einen minutenlang heftig an eine der beiden Wandungen. Dann Stahlschieber wieder auf, und da steht im engen Gang schon eine Art Grubenfahrrad für 2 Personen, auf Schienen. Mit Spurkranzrädern aus Kunststoff. Olsenbandengefühl! Der hintere Mann, etwas höher positioniert, tritt stramm in die Pedale und zieht den Kopf vorsichtshalber etwas ein, wenn er von großer Statur ist; der Vordere braucht nur geradeaus schauen und sich am „Lenker“ festhalten. Nein, es ist natürlich kein Lenker, sondern nur eine feststehende Stahlstange – die Spur zu halten besorgen ja die Schienen, wie in der Geisterbahn brettert das Gefährt fast gespenstisch im Schein der Stirnlampen voran: rechts, links, geradeaus, dadummdadumm rattattatt. Tempo etwa 15 km pro Stunde, gefühlt eher doppelt soviel. Die Stollenwände leuchten beidseits rötlich auf, das sind die rostigen Spuren des Eisenerzes. Nach wiederum rund 10 Minuten Fahrt hören die Schienen plötzlich auf, ebenso die darunter liegenden, steingrauen Gitterplatten aus glasfaserverstärktem Kunststoff, und der Gang ist mit einem mal noch einen Meter tiefer, unten läuft das klare Grubenwasser. Eine Handvoll quer eingezogene Stahlprofile 
müssen noch mühsam überstiegen werden, dann wird mit den Wathosen im Wasser zu Fuß laufend weitergepatscht.

Etwa bis zur Endstelle der neu eingezogenen Platten mit den Schienen sind Firste und Wandung schon teilweise mit grauem Beton ausgespritzt. Das ist der Hauptsinn der Sanierung, die hier seit 2020 wörtlich „im Gange“ ist: Jene Schäden, die während des Jahrhunderthochwassers 2002 im südlichen Sachsen vielerorts entstanden, dauerhaft zu tilgen. Den Gang zu stabilisieren. In jenem Jahr nämlich stand der Stollen mit Wasser voll, teilweise war er vollkommen verstopft! Weder das aus den drei Freiberger Bergbau-Revieren noch eindringendes Oberflächenwasser konnte abließen, an manchen Stellen wurden Teile der Firste des 124 Jahre alten Gangs zur Triebisch mitgerissen. Die Flutkatastrophe im Bergland hatte nicht nur überirdisch gewütet und Häuser mit ins Tal gespült, sondern auch unter Tage schwere Schäden angerichtet – dort allerdings unsichtbar. Bergbau-Spezialfirmen aus Thüringen kleiden den Gang nun neu aus, wo es notwendig ist. Derzeit wird an drei Abschnitten geschuftet, in 10-Stunden-Schichten, teilweise mithilfe polnischer Kumpel. Täglich von 7 bis 17 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause oben. Mann und Material fahren mit dem neu eingebauten Fahrkorb ein, dann teilweise mit dem Grubenrad oder elektrischer Minigrubenbahn. 

 

Die Lichtschächte, also die in Abschnitten von einigen Kilometern von übertage in die Tiefe greifenden Schlünde mit ihrem „Huthaus“ obenauf mußten dafür erst „ertüchtigt“ werden. Drei von ehemals 8 sind noch vorhanden. Am hiesigen wurde dafür extra neue Fördertechnik eingebaut: Stahlschienen rechts und links im Schacht über die ganze Länge, neue Förderkörbe, die an diesen längs mit kleinen Rollen fahren; darüber das Stahlseil und eine Doppel-Umlenkrolle an mächtigem Stahlgerüst, für das wiederum eine neue Betonplatte als Standfundament eingegossen wurde. In der Nebenbaracke eine elektrische Haspel mit Stahlseil*, dort sitzt der Maschinenmeister und bedient den quasi halbmobilen Lift mit Hebeln und Knöpfen, dabei den manuellen Seillängen- oder Tiefenmesser sowie einen kleinen Monitor im Blick. Der zeigt aber nur den oberen Einstiegsbereich. Für die Verständigung mit den jeweils herab- oder herauffahrenden Kumpeln nutzt er ein Funkgerät, wahlweise ein kabelgebundenes Grubentelefon. Denn die Funkstrecke reicht gerade noch bis zum unteren Ende des Schachts – sobald man dort nur wenige Meter seitwärts in den Stollen einfährt (der Bergmann sagt stets ja fahren, auch wenn´s per Pedes geht), ist natürlich Dauerfunkloch! Kein Wunder, zumal bei Eisenerzumgebung. Deswegen gibt es unter Tage sogar noch ein drittes, nunmehr neu eingebautes Streckentelefon für einfahrende Bauleiter, Vermessungsingenieure und Arbeiter. 


Hier, am „Dreibrüderschacht“ südlich Freibergs, gab es obendrein, nein, eher untendrein!, das erste Kavernen-Wasserkraftwerk der Welt, seit 1912. Die Kraftwerksturbinen befinden sich in sagenhaften 270 Metern Tiefe, wurden mit im Bergwerk selbst aufgestautem Wasser betrieben. Ein weiteres „Felsenkraftwerk“ folgte kurz danach im Oberharz; ein paar Jahre vorher schon gab es einen ähnlichen Untertagebau zur Stromerzeugung in den USA, allerdings oberflächennah in einer Höhle an einem Wasserfall; gebaut vom ausgewanderten Deutschen Carl Crämer. Das elektrodynamische Prinzip war just um 1880 entdeckt worden von Wernher von Siemens, der erste Generator von ihm gebaut. Ebenso wie die erste Straßenbahn der Welt, der erste Oberleitungsbus, der erste elektrische Aufzug. Strom wurde also zunehmend gebraucht und populär, die bequemeren elektrischen Motoren lösten bald die gewaltigen Dampfmaschinen-Ungetüme ab. Die hiesigen Pelton-Turbinen, tosend angetrieben von rauschender Strömung aus 140 Metern (!) unterirdischer Wassersäule brachten 4 Megaatt pro Jahr: heute genug, mehrere Tausend Haushalte mit Strom zu versorgen. Ähnliche Leistung bringen große, moderne Windräder; doch nur bei Wind und arg störend in der Landschaft. Das gestaute Wasser dagegen unsichtbarer Kraftquell rund um die Uhr.

Anfang der 70er Jahre wurde das Kraftwerk dann stillgelegt vor dem Hintergrund gewaltiger Braunkohleverstromung: Auch, weil die Wartung in so großer Tiefe aufwändig und schwierig ist. Immerhin wurden die Anlagen vorausschauend gut konserviert, und so überstand die 2002 ebenfalls komplett überflutete Maschinenhalle in düsterer Tiefe das füchterliche Hochwasser gut – sie wäre grundsätzlich noch oder wieder nutzbar. Einzelne Zahnradgestänge für Schieber beispielsweise sind so gut gefettet, daß sie sich mühelos mit der Hand bewegen lassen; die nach oben führenden Leitungen sind allerdings gekappt. Der geheimnisvolle lost place schläft derzeit schlicht als nicht betretbares „Technisches Denkmal“ in der Tiefe. Auch wenn ein ortsansässiger Verein die Anlage pflegt und mit einer Wiederinbetriebnahme liebäugelt, wird kaum ein Schatzsucher verlorener Orte ihn je zu Gesicht bekommen. Nicht absichtsvoll, schon gar nicht zufällig. Denn die ganze Anlage samt Entwässerungsstollen ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, schließlich hat sie weiterhin allein dem Wasser zu dienen. Und das auch die nächsten Jahrhunderte – es ist ein echtes Ewigkeitsbauwerk.

Im Durchschnitt des Jahres strömen etwa 680 Liter Wasser hindurch ab, knapp ein dreiviertel Kubikmeter – je Sekunde! Natürlich schwankt das in Wirklichkeit stark, je nach Jahreszeit und Wetter. Während der Sanierungsarbeiten ist es während der Arbeitsschichten höchstens ein Zehntel, es wird einerseits abgepumpt und umgeleitet. Andererseits wird in höher gelegenen Bereichen des verzweigten Grubensystems auch schlicht durch eingebaute Barrieren angestaut – und während der arbeitsfreien Zeit an Wochenende geflutet zum Abbau der Wassersäule. Im Höchstfall tosen bis zum 15fachen der Durchschnittsmenge durch den Stollen, so war es bei dem erwähnten Hochwasser. Obwohl die nunmehr neu eingezogene Fußbodensohle mit dem Grubengleis eigentlich nur für die Neuauskleidung unmittelbar notwendig ist, soll sie letztlich doch dauerhaft eingebaut bleiben – auch die regelmäßige Wartung wird sie erleichtern. Fürderhin werden Grubeninspekteure bei gelegentlichen Wartungen also nicht mehr mit dem Kahn fahren, so wie bisher. Sondern mit dem Grubenfahrrad. Allerdings auch nur bei geringerem Wasserstand.
 

Stichwort Kahnbefahrung: Gleich nebenan ruht sich ein anderes Bauwunder von fast 250jähriger Strapaze aus. Am oberirdischen Churprinzer Bergwerkskanal, Fertigstellung 1788, befindet sich das erste Schiffshebewerk der Welt! Denn ein solches ist das Kahnhebehaus in Halsbrücke, unweit des 7. Lichtlochs, dessen gut erhaltene Fundamente von jedermann durchaus jederzeit bestaunt werden können. Sieben Meter sind es auch, die dereinst einige starke Männer per Muskelkraft und mittels Flaschenzügen ihre bis zu 3 Tonnen schweren Erzkähne hoben oder senkten, das Gewicht zweier heutiger Mittelklasselimousinen also. Das im Kanal zufließende Wasser wurde prompt beim Bau der Bauschächte für den ungeheuren Entwässerungsstollen mit genutzt, als Aufschlagwasser zum Antrieb der Lastkräne und verschiedenen Fahrkünste. Selbstverständlich gehört alles zusammen zum UNESCO-Weltkulturerbe „Montanregion Erzgebirge“.



 * Auch das Stahlseil als solches eine deutsche Erfindung wie so vieles, unmittelbar aus dem Bergbau und zunächst für diesen: Der Harzer Bergrat Friedrich Schell aus Clausthal hatte damit endlich eine lange schon bestehende Schwachstelle bei Grubenbauten gefunden, im wörtlichen Sinn, und den ganzen Bergwerksbetrieb quasi revolutioniert. Denn die bis dahin genutzten zentnerschweren Ketten waren längst mit zunehmender Tiefe viel zu schwer geworden  und überaus gefährlich! Bekanntlich ist die beste Kette nur so stark wir ihr schwächstes Glied. Ein verdrilltes Seil, deutlich belastungsfähiger gemessen am Eigengewicht, spleißt allmählich auf, bevor es final reißt ...