15. August 2025

[Philosophische Betrachtung] Die Medfux´sche Unbewußtheitsrelation!


Lieber Leser, ja Sie!,

sind Sie bereit für etwas wirklich Neues? Einzigartiges? Unerwartetes? Haben Sie eine wahre Alchemistenseele in sich, einen kleinen neugierigen Forscher, der eeendlich mal etwas noch nie Dagewesenes erleben will – und das ganz gefahrlos nur durch Lesen, gemütlich am Kamin mit einem Glas Dampf-Rotwein an der Hand, besser noch einem dunklen Schokoladenbier mit zartem Apfelsinenaroma? Ja?

Fein! Dann lesen Sie bitte weiter. Hier jetzt! Ich kombiniere im Folgenden zwei bekannte Dinge so raffiniert zu einem gelungenem Text, um nicht zu sagen einer Offenbahrung –  ich mische zwei herkömmliche Zutaten so gekonnt zu einem köstlichen und nahrhaften Soufflee – daß Sie höchste Bildung und feinste Unterhaltung in EINEM erhalten können. Und das auch noch gleichzeitig! (Nein, Sie brauchen mir nicht extra zu danken: Ist ja schließlich mein Beruf, wofür bin ich Dichter und Denker?)

Ja, es geht um echte Wissenschaft. Und es geht um Humor, dennoch. Ich beende hiermit endlich die staubtrockenen Zeiten, in denen entweder wahnsinnig ernste Mathematiker und Astrophysiker in ihrem Fachgebiet bierernst herumstochern und die darin enthaltenen staubtrockenen Wissenskörner herauspulen und ungesiebt auf den Tisch fallen lassen, oder selbsternannte Esoterikschrottverkäufer und angeblich mit aufgestiegenen Meistern in Verbindung stehende selbsternannte Heiler von ihren angeblichen Mystikerfahrungen überpathetisch schwadronieren – und Sie am Ende entweder nicht mehr wissen als das, was entweder bei Wikipedia zum Thema steht, oder überhaupt nichts begriffen haben. Und andererseits Komiker zwar witzig formulieren, aber dabei hautpsächlich nur alte Schläuche anbohren und Dünnporter austräufeln.

Fertig? Sind Sie soweit? Jetzt geht’s los! Anschnallen ist angesagt.

Es geht um die Heisenberg´sche Unschärferelation. Deren prägnanteste Aussage, salopp und volkstümlich formuliert, besagt, daß der Beobachter eines Experimentes den Ausgang eben dieses Experiments bereits selbst beeinflußt, ohne überhaupt einzugreifen: Schlichtweg nur durch seine Beobachtung. Das soll im engeren Sinne unseres Kameraden Heisenberg nur im Mikrokosmos so sein, auf Teilchenebene. Also in dem Bereich, den grundsätzlich keiner sehen kann, und der am heimischen Kamin oder in der Kneipe für niemanden eine Rolle spielt. 

Mag alles sein. Es ist ja auch leicht, scharfe Theorien zu formulieren über Bereiche, die eh keiner überprüfen kann. Noch dazu, wenn diese Nichtüberprüfbarkeit per se schon in der Behauptung selbst mit eingebaut ist, siehe Unschärferelation, nicht wahr?

Wir können jedoch bedenkenlos anhand eigener Lebenserfahrung und logischer Ableitung festellen, daß die Aussage jener „Unschärfe“ auch im Mesokosmos zutrifft. Also in unserer gewohnten und sichtbaren Umgebung auf Hutgröße. 

Nun …  ob SIE das so können, weiß ich nicht. Aber ich kann es. Und ich halte mit meinen Erkenntnissen natürlich nicht hinter dem (Heisen)Berg, sondern öffne die Schleusen meines universalen Wissens und flute großzügig und gratis mit den Wogen der Erkenntnis die Menschheit. Wenn ich schon mal in Form bin und nebenher die Dichtung revolutioniere. Also halten Sie sich nun fest an irgendwas Schwimmfähigem, bitte!

Also! Der Beobachter verändert laut unserem Nobelpreisträger Werner H. das zu Beobachtende. Immer. Beispiel: Selbstverständlich benehmen sich zwei junge Frauen unter der Dusche ganz anders, wenn ich sie dabei sichtlich beobachte, als wenn diese allein unter sich wären. (Und dabei habe ich noch nicht mal von Eingreifen ins Experiment gesprochen, was zu noch ganz anderen Ergebnissen führen würde, aber hallo!) 

Oder: Wenn Sie als Journalist oder Youtuber (oder wie diese ganzen Wichtigtuer heutzutage heißen) jemanden mit der Kamera bei irgend etwas Beliebigem porträtieren, tut der oft überhaupt nur Dinge, die ohne Beobachtung gar nicht stattfänden. Schalten Sie einfach die Glotze ein. Alles, aber auch alles, was da läuft, würde so überhaupt nicht stattfinden, gäbe es keinen, der es filmte. Und ja, ich rede hier selbstverständlich nicht von Fiktionalem, sondern angeblich Dokumentarischem. Und das Glühbier vor Ihnen auf dem Tisch, wo war es gerade eben noch? Jetzt ist es (hoffentlich) da. Aber wo war es gerade eben noch, als sie meinen fundamentalen Aussagen erstaunt und hingerissen lauschten?

Und jetzt kommt der Knüller! ACHTUNG! Klammern Sie sich bitte ganz fest! So fest, daß es fester nicht mehr geht - vielleicht am Busen einer drallen Sophie - andernfalls ertrinken sie unter der Flutwelle der nun formulierten Erkenntnis, die ich vorsichtshalber leicht untertreibend nur die „Medfux´sche Unbewußtseinsrelation“ nennen will: Das, was Sie beobachten - gleich was, gleich wo, gleich wie - findet überhaupt nicht statt, wenn sie nicht daran denken. Jawohl! Es findet gar nicht statt. Überhaupt nicht. Ist schlichtweg nicht da. Nirgends. Nitschewo njet. Njente, nada! Sie verändern es nicht etwa nur durch Ihr Denken und (dann) Beobachten, sondern Sie erschaffen es erst durch ihr Denken. Jawohl. Sie sind der Schöpfer des Ganzen. Jeglichen Experiments. Jeglichen Dings. Jeglicher Sache. Wahrlich.

Was, glauben Sie nicht? Ha! Schon haben Sie es damit bestätigt. Sie denken den Zweifel, schon ist er da. Sie denken an die angeblich unabhängig von ihnen bestehende Realität (oder das nun schon halbleere Glas), schon ist sie (oder es) also da. Zumindest in ihren Gedanken.

Widerlegen Sie das mal! Können Sie nicht, stimmt´s? Natürlich nicht. Bevor Sie etwas widerlegen wollen, müssen Sie erst dran denken. Sehen Sie, mein überaus praktisches Theorem, jeden Moment durch Bewußtheit beweisbar, ist völlig wasser- und malzdicht. Das habe ich natürlich absichtlich so gemacht, damit weder Sie noch irgendwer sonst gleich gedanklich aufweicht oder fortgerissen wird von der geistigen Monsterwelle. Oder irgendwer mal wieder zu diskutieren anfängt – ich bin es nämlich, ehrlich gesagt, leid, mit Schwachköpfen wie Ihnen über Offensichtliches zu disputieren. Schließlich versuche ich meinem Kater auch nicht beizubringen, wo man den günstigsten Schlemmerhappen mit Mäusegeschmack für ihn kauft, sondern stelle ihm den eben einfach hin, basta. Meinetwegen muß er ihn ja nicht fressen. 

Nebenher: Das Theorem geht klar über das hinaus, was eine sogenannte „Vermutung“ in der Mathematik ist, nämlich eine bis auf Weiteres oder die Unendlichkeit nicht überprüfbare Behauptung, die weder beweis- noch widerlegbar sei. Sowas wie die „Goldbach´sche Vermutung“, eines der 23 Hilbert´schen Probleme. Es ist nämlich unwiderlegbar beweisbar. Toll, oder?

Ich gebe zu, das war jetzt nur ein kleiner Einschub, mit dem ich etwas glänzen wollte. Kann man auch mal machen. Wenn ich dran denke, was sich sonst schon alles weglasse an Überragendem … und daß ich schon allein auf philosophischem Wege beweisen konnte, daß zumindest die > Existenz von Bielefeld keineswegs beweisbar sei, entgegen allen Vermutungen – und mir das Eine-Million-Preisgeld konsequenterweise auch nicht angewiesen wurde, weil offenbar kein echter Bielefelder existiert … na, egal. Wer angibt, hat mehr vom leben. Heißt es doch!

Nein, Sie müssen nicht vor mir auf die Knie gehen. Ich verabscheue Unterwürfigkeit. Auch dann nicht, wenn Sie gegen jede Annahme wirklich verstanden haben sollten, was ich meine. Ich bin es gewohnt, unverstanden und allenfalls belächelt zu sein. Was soll´s, Schopenhauer hatte auch nur einen Schüler, der ihn noch dazu mißverstanden hat – und Nietzsche nicht mal den.

Und ja, ich verzichte auch auf den Nobelpreis, sei es der für Physik für das Theorem oder in Sachen Literatur für meinen Kunstgriff der heiter fomulierten Wissenschaft. Auch der alternative Friedensnobelpreis für die endgültige Einigung von Materialismus und Idealismus darf an jemand anderen gehen. Wie wäre es mit Ihnen? Ja, Ihnen selbst?

Denken Sie halt ein bißchen drüber nach, lassen sie die staunenden Erkenntnisse ein wenig setzen und sich läutern, und posaunen Sie Ihre neuen Einsichten danach einfach in die Welt hinaus. In die, die sie sich vorher ausdenken. Am besten gleich eine mit verständigen Leuten – das zumindest können Sie ja gleich mal besser machen als ich. Damit hat´s auch wenigstens eine kleine Eigenleistung.

Auf Ihr Wohl! Ich gratuliere vorab, denn ich bin dann schon mal weg. Muß schlafen gehen.



 

 

 

 

 

 

19. Mai 2025

[REPORTAGE] Mit Grubenrad und Wathose durch den weltlängsten Tunnel


 
 
Es gibt um den Globus nur eine Handvoll ähnlich lange Untertagewege: Unter den Alpen hindurch für Autos, in Peking für die U-Bahn, in Finnland für die Trinkwasserversorgung. Die meisten zwischen 50 und 60 Kilometer lang (etwa die Luftlinie München-Augsburg, Dresden-Bautzen, Düsseldorf-Köln), alle aus den letzten Jahrzehnten. Der „Rothschönberger Stolln“ bei Freiberg in Sachsen dagegen mit seinen insgesamt 50 Kilometern Länge wurde schon vor 1878 aufgewältigt - in rund 300 Metern Tiefe! Damit ist er, Tiefe und Länge zusammen betrachtet, nach wie vor der längste Wasserlösestollen der Welt. Notwendigerweise durchgehend mit Minimalneigung: eine technische Großmeisterleistung in Vermessung und Bau. Das unvorstellbar niedrige Gefälle: Durchschnittlich eine Handspanne auf 100 Meter, fast nichts! Zur ungefähren Anschauung: Stellen Sie sich eine vor Ihnen auf dem Tisch liegende große Torte vor; nun fädeln sie von links und rechts gleichzeitig zwei Stricknadeln nach innen gerichtet so ein, daß die Spitzen in der Kuchenmitte möglichst direkt aufeinandertreffen. Und das mit geschlossenen Augen! Denn die Erbauer, die von mehreren Lichtschächten erst senkrecht in die Tiefe bohrten und von dort aus aufeinander zugruben, im Schein von Rüböl- oder auch schon Benzinlampen, sahen ja das Ganze nicht im Überblick. Sie hatten unter Tage nur Hängekompaß und Gradbogen als Neigungsmesser, neben den Vermessungskarten vom oberirdischen Gelände und teilweise bereits vorliegenden Grubenrissen der Markscheider. Noch geringer geneigt als geplant, nämlich die bereits angesprochenen 2-3 mm durchschnittlich pro Meter, darf der Stollen nicht sein, sonst fließt nichts mehr; vorsichtshalber etwas abschüssiger bauen geht aber auch nicht, sonst kommt man am weit entfernten Ziel unter der Höhe des Tals heraus, in dem der entwässernde Fluß fließt. Es hat geklappt: Nach Unterquerung von zwei anderen Tälern, unter anderem auch der Freiberger Mulde, ergießt sich das Grubenwasser aus den viel weiter südlich gelegenen Bergbaurevieren punktgenau in die Triebisch. Wen wundert´s eigentlich, wenn einer der ersten Planer des Stollens ein Sohn unseres großen Gottfried Herders war?

 

Wathose an, Helm mit eingeschaltetem Geleucht aufgesetzt, in den Fahrkorb rein und Gittertür zu. Dann rund 10 Minuten in die „Teufe“ rumpelnd, fast 300 Meter. Nicht nur senkrecht, sondern teilweise deutlich schräg: Die Schwerkraft drückt einen minutenlang heftig an eine der beiden Wandungen. Dann Stahlschieber wieder auf, und da steht im engen Gang schon eine Art Grubenfahrrad für 2 Personen, auf Schienen. Mit Spurkranzrädern aus Kunststoff. Olsenbandengefühl! Der hintere Mann, etwas höher positioniert, tritt stramm in die Pedale und zieht den Kopf vorsichtshalber etwas ein, wenn er von großer Statur ist; der Vordere braucht nur geradeaus schauen und sich am „Lenker“ festhalten. Nein, es ist natürlich kein Lenker, sondern nur eine feststehende Stahlstange – die Spur zu halten besorgen ja die Schienen, wie in der Geisterbahn brettert das Gefährt fast gespenstisch im Schein der Stirnlampen voran: rechts, links, geradeaus, dadummdadumm rattattatt. Tempo etwa 15 km pro Stunde, gefühlt eher doppelt soviel. Die Stollenwände leuchten beidseits rötlich auf, das sind die rostigen Spuren des Eisenerzes. Nach wiederum rund 10 Minuten Fahrt hören die Schienen plötzlich auf, ebenso die darunter liegenden, steingrauen Gitterplatten aus glasfaserverstärktem Kunststoff, und der Gang ist mit einem mal noch einen Meter tiefer, unten läuft das klare Grubenwasser. Eine Handvoll quer eingezogene Stahlprofile 
müssen noch mühsam überstiegen werden, dann wird mit den Wathosen im Wasser zu Fuß laufend weitergepatscht.

Etwa bis zur Endstelle der neu eingezogenen Platten mit den Schienen sind Firste und Wandung schon teilweise mit grauem Beton ausgespritzt. Das ist der Hauptsinn der Sanierung, die hier seit 2020 wörtlich „im Gange“ ist: Jene Schäden, die während des Jahrhunderthochwassers 2002 im südlichen Sachsen vielerorts entstanden, dauerhaft zu tilgen. Den Gang zu stabilisieren. In jenem Jahr nämlich stand der Stollen mit Wasser voll, teilweise war er vollkommen verstopft! Weder das aus den drei Freiberger Bergbau-Revieren noch eindringendes Oberflächenwasser konnte abließen, an manchen Stellen wurden Teile der Firste des 124 Jahre alten Gangs zur Triebisch mitgerissen. Die Flutkatastrophe im Bergland hatte nicht nur überirdisch gewütet und Häuser mit ins Tal gespült, sondern auch unter Tage schwere Schäden angerichtet – dort allerdings unsichtbar. Bergbau-Spezialfirmen aus Thüringen kleiden den Gang nun neu aus, wo es notwendig ist. Derzeit wird an drei Abschnitten geschuftet, in 10-Stunden-Schichten, teilweise mithilfe polnischer Kumpel. Täglich von 7 bis 17 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause oben. Mann und Material fahren mit dem neu eingebauten Fahrkorb ein, dann teilweise mit dem Grubenrad oder elektrischer Minigrubenbahn. 

 

Die Lichtschächte, also die in Abschnitten von einigen Kilometern von übertage in die Tiefe greifenden Schlünde mit ihrem „Huthaus“ obenauf mußten dafür erst „ertüchtigt“ werden. Drei von ehemals 8 sind noch vorhanden. Am hiesigen wurde dafür extra neue Fördertechnik eingebaut: Stahlschienen rechts und links im Schacht über die ganze Länge, neue Förderkörbe, die an diesen längs mit kleinen Rollen fahren; darüber das Stahlseil und eine Doppel-Umlenkrolle an mächtigem Stahlgerüst, für das wiederum eine neue Betonplatte als Standfundament eingegossen wurde. In der Nebenbaracke eine elektrische Haspel mit Stahlseil*, dort sitzt der Maschinenmeister und bedient den quasi halbmobilen Lift mit Hebeln und Knöpfen, dabei den manuellen Seillängen- oder Tiefenmesser sowie einen kleinen Monitor im Blick. Der zeigt aber nur den oberen Einstiegsbereich. Für die Verständigung mit den jeweils herab- oder herauffahrenden Kumpeln nutzt er ein Funkgerät, wahlweise ein kabelgebundenes Grubentelefon. Denn die Funkstrecke reicht gerade noch bis zum unteren Ende des Schachts – sobald man dort nur wenige Meter seitwärts in den Stollen einfährt (der Bergmann sagt stets ja fahren, auch wenn´s per Pedes geht), ist natürlich Dauerfunkloch! Kein Wunder, zumal bei Eisenerzumgebung. Deswegen gibt es unter Tage sogar noch ein drittes, nunmehr neu eingebautes Streckentelefon für einfahrende Bauleiter, Vermessungsingenieure und Arbeiter. 


Hier, am „Dreibrüderschacht“ südlich Freibergs, gab es obendrein, nein, eher untendrein!, das erste Kavernen-Wasserkraftwerk der Welt, seit 1912. Die Kraftwerksturbinen befinden sich in sagenhaften 270 Metern Tiefe, wurden mit im Bergwerk selbst aufgestautem Wasser betrieben. Ein weiteres „Felsenkraftwerk“ folgte kurz danach im Oberharz; ein paar Jahre vorher schon gab es einen ähnlichen Untertagebau zur Stromerzeugung in den USA, allerdings oberflächennah in einer Höhle an einem Wasserfall; gebaut vom ausgewanderten Deutschen Carl Crämer. Das elektrodynamische Prinzip war just um 1880 entdeckt worden von Wernher von Siemens, der erste Generator von ihm gebaut. Ebenso wie die erste Straßenbahn der Welt, der erste Oberleitungsbus, der erste elektrische Aufzug. Strom wurde also zunehmend gebraucht und populär, die bequemeren elektrischen Motoren lösten bald die gewaltigen Dampfmaschinen-Ungetüme ab. Die hiesigen Pelton-Turbinen, tosend angetrieben von rauschender Strömung aus 140 Metern (!) unterirdischer Wassersäule brachten 4 Megaatt pro Jahr: heute genug, mehrere Tausend Haushalte mit Strom zu versorgen. Ähnliche Leistung bringen große, moderne Windräder; doch nur bei Wind und arg störend in der Landschaft. Das gestaute Wasser dagegen unsichtbarer Kraftquell rund um die Uhr.

Anfang der 70er Jahre wurde das Kraftwerk dann stillgelegt vor dem Hintergrund gewaltiger Braunkohleverstromung: Auch, weil die Wartung in so großer Tiefe aufwändig und schwierig ist. Immerhin wurden die Anlagen vorausschauend gut konserviert, und so überstand die 2002 ebenfalls komplett überflutete Maschinenhalle in düsterer Tiefe das füchterliche Hochwasser gut – sie wäre grundsätzlich noch oder wieder nutzbar. Einzelne Zahnradgestänge für Schieber beispielsweise sind so gut gefettet, daß sie sich mühelos mit der Hand bewegen lassen; die nach oben führenden Leitungen sind allerdings gekappt. Der geheimnisvolle lost place schläft derzeit schlicht als nicht betretbares „Technisches Denkmal“ in der Tiefe. Auch wenn ein ortsansässiger Verein die Anlage pflegt und mit einer Wiederinbetriebnahme liebäugelt, wird kaum ein Schatzsucher verlorener Orte ihn je zu Gesicht bekommen. Nicht absichtsvoll, schon gar nicht zufällig. Denn die ganze Anlage samt Entwässerungsstollen ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, schließlich hat sie weiterhin allein dem Wasser zu dienen. Und das auch die nächsten Jahrhunderte – es ist ein echtes Ewigkeitsbauwerk.

Im Durchschnitt des Jahres strömen etwa 680 Liter Wasser hindurch ab, knapp ein dreiviertel Kubikmeter – je Sekunde! Natürlich schwankt das in Wirklichkeit stark, je nach Jahreszeit und Wetter. Während der Sanierungsarbeiten ist es während der Arbeitsschichten höchstens ein Zehntel, es wird einerseits abgepumpt und umgeleitet. Andererseits wird in höher gelegenen Bereichen des verzweigten Grubensystems auch schlicht durch eingebaute Barrieren angestaut – und während der arbeitsfreien Zeit an Wochenende geflutet zum Abbau der Wassersäule. Im Höchstfall tosen bis zum 15fachen der Durchschnittsmenge durch den Stollen, so war es bei dem erwähnten Hochwasser. Obwohl die nunmehr neu eingezogene Fußbodensohle mit dem Grubengleis eigentlich nur für die Neuauskleidung unmittelbar notwendig ist, soll sie letztlich doch dauerhaft eingebaut bleiben – auch die regelmäßige Wartung wird sie erleichtern. Fürderhin werden Grubeninspekteure bei gelegentlichen Wartungen also nicht mehr mit dem Kahn fahren, so wie bisher. Sondern mit dem Grubenfahrrad. Allerdings auch nur bei geringerem Wasserstand.
 

Stichwort Kahnbefahrung: Gleich nebenan ruht sich ein anderes Bauwunder von fast 250jähriger Strapaze aus. Am oberirdischen Churprinzer Bergwerkskanal, Fertigstellung 1788, befindet sich das erste Schiffshebewerk der Welt! Denn ein solches ist das Kahnhebehaus in Halsbrücke, unweit des 7. Lichtlochs, dessen gut erhaltene Fundamente von jedermann durchaus jederzeit bestaunt werden können. Sieben Meter sind es auch, die dereinst einige starke Männer per Muskelkraft und mittels Flaschenzügen ihre bis zu 3 Tonnen schweren Erzkähne hoben oder senkten, das Gewicht zweier heutiger Mittelklasselimousinen also. Das im Kanal zufließende Wasser wurde prompt beim Bau der Bauschächte für den ungeheuren Entwässerungsstollen mit genutzt, als Aufschlagwasser zum Antrieb der Lastkräne und verschiedenen Fahrkünste. Selbstverständlich gehört alles zusammen zum UNESCO-Weltkulturerbe „Montanregion Erzgebirge“.



 * Auch das Stahlseil als solches eine deutsche Erfindung wie so vieles, unmittelbar aus dem Bergbau und zunächst für diesen: Der Harzer Bergrat Friedrich Schell aus Clausthal hatte damit endlich eine lange schon bestehende Schwachstelle bei Grubenbauten gefunden, im wörtlichen Sinn, und den ganzen Bergwerksbetrieb quasi revolutioniert. Denn die bis dahin genutzten zentnerschweren Ketten waren längst mit zunehmender Tiefe viel zu schwer geworden  und überaus gefährlich! Bekanntlich ist die beste Kette nur so stark wir ihr schwächstes Glied. Ein verdrilltes Seil, deutlich belastungsfähiger gemessen am Eigengewicht, spleißt allmählich auf, bevor es final reißt ...

21. März 2025

[Vision] Gesucht & gefunden: Der Gratis-Tod aus dem Jenseits


 
Es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis die Fitneßstudios, die Szene-Restaurants und großen Kinos untergegangen sind. Vor allem die Kinos. Dafür gibt es dann in jeder Stadt etliche „VR-Worlds“. Vielleicht heißen sie auch anders, etwa „History Club 4D“ oder „Wellness Livingroom“ – je nachdem, welchen geistigen Schrott Werbefuzzis ausspeien oder von allen guten Geistern verlassene Geschäftemacher ... Wofür sich noch in Kinos dümmliche Schmachtfetzen oder realitätsferne Abenteuerstreifen anschauen, wenn man sie selbst erleben kann? Als Protagonist, oder für die Vorsichtigeren zunächst nur als Beobachter – aber doch mittendrin? In den Welten der virtuellen Realität, der „echten Scheinwelt“ also, kann jeder mitspielen! Kann in die Vergangenheit reisen, seine bevorzugte natürlich. Oder auf die höchsten Berge der Welt klettern, ohne je den kleinsten Rucksack gepackt zu haben, und das in Sandalen bei Vollklimatisierung. Oder die Rochen auf dem Grund der Tiefsee berühren: im Tauchroboter, im Schnorchelanzug oder auch nur in Badehose – in Wirklichkeit in Jeans und leichtem Hemd. Es reicht, an der Kasse sein Scherflein abzugeben, ein Programm zu wählen, und dann in einem gedämmten Raum bei Zimmertemperatur diese Brille aufzusetzen und die kleinen Kopfhörer über die Ohrmuscheln zu stülpen. Oder so ähnlich. Dann taucht ganz kurz das bewegte Logo oder ein animierter, futuristisch aussehender Schriftzug auf dem schwarzen Bildschirm auf, und dann ist man plötzlilch schon mittendrin! Sieht sich verwundert um in der Kulisse. Schaut an sich herab, sieht einen Avatar-Körper, bewegt probehalber seine beide echten Arme noch in der Wirklichkeit – und ja, tatsächlich, sie heben sich auch an dem Avatar! Man dreht sich auf dem Boden um, geht ein paar Schritte, und genau das tut sein „alter ego“ im Bild auch, der Avatar. Verblüffend echt, unglaublich realistisch, märchenhaft real – scheinbar. Natürlich sind je nachdem auch andere Menschen dort anzutreffen, in dieser Matrix (wollen wir es mal so nennen), und man agiert mit ihnen, reagiert auf sie. Kann sogar mit ihnen reden. Tatsächlich gab es da ja auch dieses kleine Schwenkmikro vor dem Mund, an der üppigen VR-Brille, die eher einem Helm gleicht. Und es dauert nur kurz, bis man so gut wie vergessen hat, daß man „nur“ in einem Spiel ist, in einer programmierten Kunstwelt, die von unglaublicher Rechenleistung großer Zentralcomputer aufgebaut wird.

So weit, so gut, so einfach vorstellbar. Ein kleines Detail habe ich noch übersehen. Man wird vor dem Antritt des Spiels einen Vertrag unterschreiben müssen. Vor allem einen Haftungsausschluß. Etwa solche Formu-lierungen wie „Der Gamer ist gesund, spielt auf eigenes Risiko und stellt die XXX-GmbH von jeglicher Gewährleistung aller Art frei.“ Ja, genau, eher kleingedruckt. Aber bis das so verbindlich in allen Studios eingeführt wird und entsprechende Formulare gedruckt vorliegen, vergehen noch anderthalb Jahre. Denn die Mühlen der Bürokratie mahlen auch in der Zukunft noch so langsam wie in jeder Vergangenheit; und zuvor muß erst noch das passieren, was in dieser Geschichte hier beschrieben wird. [Wenn Sie ein ungutes Gefühl oder Angst bekommen, hören Sie bitte jetzt zu lesen auf.]

Doch wir wollen nicht vorgreifen. Lieber noch ein bißchen die Phantasie schweifen lassen, gerade zur Seite des Schönen. Wer sich für Bildung interessiert, unternimmt virtuelle Entdeckungsreisen auf diese Art: Entweder in wirklich bestehende Museen, die sich jedoch ein paar Hundert Kilometer weit weg befinden. (Allerdings auch nicht mehr allzu lang, denn sie werden ebenfalls bald untergehen, aus genau dem gleichen Grund wie die Kinos.) Oder in wirklich bestehende Orte hoher Attraktivität: Burgen und Schlösser, technische Bauten wie riesige Talsperrenmauern, gewaltige Hängebrücken oder Wolkenkratzer-Plattformen, wahlweise berühmte Wallfahrtsorte oder außergewöhnliche Naturschönheiten, beispielsweise mächtige Wasserfälle, endlose Sandwüsten oder grün überbordende Dschungelwälder.

Wer sich für Geschichte interessiert, reist in die Vergangenheit. Zum Beispiel gleich an seinem Ort, nur eben denselben zu Ende des 19. Jahrhunderts, die Zeit der Klassik oder im Mittelalter. Ein Defilee des Kaiser oder Führers mag interessant sein; spannender finden sicher die meisten, wie es damals in der Straße ausgesehen hat, wo sie heute wohnen; die Pferdebahn, den Gaslaternen-Anzünder und der Gasometer in vollem Betrieb, schnaufende Dampflokomotiven, ein Krämerlädchen und eines mit Kolonialwaren: kleine Kinder, die auf der Straße mit Kreiseln spielen, und größere Buben, die auf an Hinterhöfe anschließenden Brachen selbstgebastelte Knallfrösche oder Rauchmischungen zünden. „Dazu mischt man zwei Löffelchen Chilesalpeter mit einigen Messerspitzen rotem Phosphor – beides um wenige Pfennige in jeder Drogerie erhältlich. Es ist die gleiche Mischung, die auch unser Heer für sogenannte Vernebelungsröhrchen nutzt“, lese ich in einem Buch für Knaben zum Thema, Herausgabejahr 1942. 


Oder man schaut sich die berühmten „goldenen Zwanziger“ an, in Wien oder Berlin – und mit solchen Sachen wird es da losgehen. Denn davon liegen bereits mehr Daten vor: natürlich aus Film und Fernsehen und Zeitschriften, und aus dem kann die KI sowas leichter realistisch scheinend zusammenrechnen. Ob es in diesem Falle realistisch ist, das heißt also, leidlich wahrheitsgemäß, werden wir kaum wissen. Wir werden es weiter glauben müssen, und natürlich umso überzeugter, weil wir es ja scheinbar „völlig echt“ wahrnehmen. (Die vermutete Vergangenheit wird sich damit noch mehr einbetonieren in jene Glaubensklischees, die einst aus Hollywood stammten.)

Wer sich für den Weltraum interessiert, reist als Astronaut zu den Sternen und auf fremde Planeten. (Hier gilt das gleiche zum Thema der Wirklichkeitstreue.) Wer sich für Naturwissenschaft interessiert, könnte vielleicht als Elektron durch Teilchenbeschleuniger sausen; wer sich für die Botanik interessiert, wird zum Leoparden oder zum Fuchs und schnürt auf dessen Pfaden durchs Unterholz. - Und so weiter, und so weiter. Da sind ja kaum Grenzen gesetzt. Alles ist möglich. [Das schlimme Ende kommt noch, Vorsicht!]

Aber, ich fürchte, die schiere Unterhaltung und niedere Triebbefriedigung  wird doch wieder dominieren, zumindest anfangs. Weil der technische Fortschritt noch immer schneller ist als der menschliche. Harmloser dabei: Wer schon immer Musical-Star werden wollte, wird auf den größten Bühnen der Welt herumtanzen und singen. Wer schon immer bedeutender Reporter werden wollte, mit ABBA ein neues Interview führen - und im Anschluß eventuell mit Agnetha in einer Nische verschwinden. Umsatzstärker also, ja genau: Sex-Spiele. Am umsatzstärksten überhaupt!

Dafür gibt es natürlich in den besonderen 24/7-Clubs Separees, in denen Duftmischungen zur Anwendung kommen, um das Erleben auch olfaktorisch anregend zu machen. (Wahrscheinlich werden auch die Bordelle weitgehend untergehen.) Jeder Mann kann sich die vollbusige Traumfrau zusammenbauen, die er schon immer begehrt, und mit ihr die wildesten Phantasien ausleben. Jede Frau kann sich vom kräftigsten und schönsten Mann mit herrlich treublauen Augen auf Armen tragen lassen, ins Nest, und dort erst streichelnd und dann kraftvoller und beliebig verwöhnen lassen, ganz nach Geschmack. Sieht ja keiner, außer man selbst. Vermutlich werden alle diese ungezählten Traumfrauen und -männer genau so aussehen wie Brad Pitt und Helene Fischer. Wer wettet dagegen?

Ich wette selbst dagegen: Sobald das technisch möglich ist und die ersten Standardprogramme individuelleren weichen, wird das Mädchen aus der Traummaschine so aussehen wie neulich diese süße kleine Schauspielerin oder die rothaarige Nachbarin: man bringt einfach ein oder zwei Fotos mit (davon finden sich im ersteren Falle genug im Netz, im letzteren Falle hat man selbst einige aus dem Wohnzimmerfenster heimlich geschossen), und die werden dann digital verarbeitet und gleich eingepflegt für die ganz persönliche Wohlfühlerfahrung …

Und schließlich: Krimigeschichten dort, Kriegsspiele da. Eintauchen in den Schützengraben, vorwärtsrumpeln im Panzer, durch den Himmel jagen im Düsenjäger. Gefahrlos Krieger und Zweikampfheld werden mit Kolaflasche in der Hand und lockeren Halbschuhen an den Füßen.

Es bleibt also alles im Wesentlichen so, wie es vom Anfang des Schwarzweiß-Stummfilms über das gewöhnliche Fernsehen und Internet bis zu Computerspielen immer war: Ballern, schießen, spritzen. Ein bißchen rumgucken. Ein bißchen staunen. Aaaaaaber! Ungleich realistischer! Geradezu wahrhaftig! Für eine Stunde oder zwei, vielleicht mehrere … Absolut umwerfend. Und das ist nun brandgefährlich. Denn es wird bei dieser Variante der Unterhaltung nicht lange dauern, bis das passiert, wofür der Spieler die eigene Haftung vorab garantieren muß und sich die „Veranstalter“ absichern werden müssen … [Letzte Warnung für zartbesaitete Leser.]

Denn das Spannendste werden Selbstexperimente sein in der VR-Welt. Von harmlos bis tödlich. Ersteres: Beispielsweise mal zu einem Psychotherapeuten gehen und sich eine Beratung gönnen. Ich als Mann würde natürlich zu einer Therapeutin gehen, und wer weiß, was das für eine Therapie würde … klar, man kann ja auch diese und jene Form der Bildung, Bereicherung und Unterhaltung kombinieren, ich bin so frei, mir das auszudenken. Auch in Zukunft wird noch etwas Phantasie nötig sein. Oder sogar: noch mehr. Denn alles ist möglich!

Oder umgekehrt den Therapeuten spielen und dem Klienten völligen Stuß erzählen und dann einen Sofort-Suizid anraten. Warum nicht? Ein bißchen Spaß muß sein, schadet ja keinem. Mal sehen, was passiert … Oder zum Spaß mit dem Auto auf einen Weihnachtsmarkt rasen? (Autsch, das ist jetzt unsensibel, das ist allzu makaber --- jetzt werde ich unsicher, ob man die Programm-Möglichkeiten nicht doch ein wenig begrenzen sollte, zumindest für diesen oder jenen?) Fetzig: Einen gigantischen Radschaufelbagger im Kohlenrevier zu steuern versuchen, noch fetziger: als Agent hinter feindlichen Linien spionieren und mit TNT sabotieren. Aufregend: Als Hauptkommissar versuchen, einen realen Fall selbst zu lösen, oder Sprengmeister des größten Staudamms sein; und in diesem Fall fällt dann mal einem Spieler ein, daß man die Zündung ja auch abenteuerhalber von einem Standpunkt ein paar hundert Meter unterhalb im Tal aus machen könnte - mal sehen, was dann geschieht! Die ungeheure Wasserlawaine auf sich zukommen und nur kapp vorbeirollen zu sehen. Oder …? Hm. Letzteres … Ja, so, etwa wird es losgehen! Jemand wird wissen wollen, wie es dann aussieht, wenn sie über einen hinwegwalzt. Oder wie es ist, nun von der höchsten aller Hängebrücken hinabzustürzen ins Tal. Und genau mit dieser Kick-Erfahrung werden bald die VR-Studios werben! Mit der eigenen Todeserfahrung, oder vielmehr: Mit der Angst davor!

Und das ist nun neu, erstmals vollkommen neu: Dem Spieler kann der eigene Tod versprochen werden, etwa in einem selbsterlebten Krimi. Ob er dabei nun Räuber oder Gendarm, Verbrecher oder Polizist ist oder nur harmloser Augenzeuge oder Betrachter  völlig egal: „Opfer-Modus!“ lautet die für das jeweilige Programm wählbare Zusatzoption für alle, die den untimativen Reiz suchen! Den Adrenalinausstoß. „Egal, was du tust oder wie du agierst: Bereite dich auf die letzte Erfahrung vor, schaue dem Tod in die Augen, und erlebe ihn! Unerwartet, fotorealistisch, mit absoluter Schockerfahrung und realistischen Klangeffekten! Wir sagen dir nicht, wann es passiert – wir versprechen dir nur, daß es passiert!“  (So ungefähr wird es heißen, in derselben schauderhaften Duz-Imperativ-Stilistik wie in der heutigen Allerweltsreklame.)


Selbstverständlich kann der Modus jeder virtuellen Reise zugeschaltet werden. Ober nun jemand einen Militärhubschrauber selbst fliegen will und dann abstürzt, oder noch notlandet im feindlichen Gebiet, um dann gefangengenommen und erschossen zu werden, oder im Foltergefängnis stirbt oder im Lazarett an Gelbfieber verreckt, oder nach dem glücklich überstandenen Gefangenenaustausch auf den letzten Metern vor dem Zuhause noch mit dem Auto wegen Eisglätte die Böschung hinabdonnert und im Auto verbrennt – alles möglich, alles vorher nicht bekannt, da von einem Zufallsgenerator in der KI berechnet. „SCHAU DEINEM TOD IN DIE AUGEN“, lautet die maktschreierische Werbung dazu, und alsbald wird man herausfinden – was das unbestreitbar Gute an der Sache ist! – daß jeder, der es in der VR-Welt wenigstens einmal „realistisch“ erlebt hat, keine Angst mehr hat vor dem eigenen Sterben im der Wirklichkeit. Daher wird es bald ein Massensport: „Hast du es schon gemacht?!“, lautet die wichtigste Frage bald unter Spirituellen, Glückssuchern und vermeintlichen wie tatsächlichen Lebenskünstlern. Unter Digitalhippies wie Muskelproleten. „Wie oft?“.

Aber was in der „echten“ Wirklichkeit, nach dem Absetzen der Brille, da draußen wieder geschieht nach dem Tod: Wir wissen es dann immer noch nicht, und glauben es nur. Glauben, daß danach die nächste Ebene beginnt. Ein neues Spiel. Eine andere Kulisse dasteht. Aber immerhin!

Von Jean-Luc werden wir es nicht erfahren. Er kann es uns nicht mehr sagen. Er war einer von den ersten, die die eigene Todeserfahrung im Spiel gesucht haben, obwohl er eigentlich nur auf Bildungsreise durch eine untergegangene Stadt unterwegs war. Ihn hatte nur interessiert, wie der Ort, wo sein Freundin wohnte, früher ausgesehen hatte, vor dem 16. April 1945. Als alliierte Bomber aus Mangel an weiteren Zielen – alles andere hatten sie längst in Asche und Schutt gelegt – die alte Residenz-Stadt Zerbst zu 80 Prozent zernichteten, und den größten Teils des Rests im Anschluß noch 10 Tage vom Boden aus zerschossen. Gerade noch 12 Tage vor der bedingungslosen Kapitulation des Landes.

Es hatte ihn nur interessiert, wie das alte Schloß und die pittoresken Sträßchen und heimeligen Gassen ausgesehen hatten, wo Prinzessin Sophie Auguste Friederike, die spätere russische Zarin Katharina die Große, ihrerzeit ein- und ausging. Das Geschichtsprogramm in seinem VR-Studio hatte damit geworben, alle mitteleuropäischen Städte, auch die kleineren, quasi in allen Epochen ihren Bestehens darstellen zu können. Größtenteils realistisch, soweit Unterlagen, Karten, Stadtpläne und später Fotografien sowie Beschreibungen und Reiseberichte als auch Chroniken und uralte Baudokumente aus öffentlicher und privater Hand vorlagen. Und in den ferneren Bereichen auf dem Zeitstrahl, der sich jeglicher Belichtung entzog, eben allein aus Vergleichsdaten und Annahmen computergeneriert, soweit das eben noch halbwegs plausibel zu machen war. Und das war doch längst einiges.

Und dann hatte er sich im letzten Moment, kurz vor Betreten des Raumes, noch von dem jungen „Tour-Guide“, wie die Gästebetreuer hier hießen, dazu überreden lassen, diese hier neue Funktion zu testen: Die eigene Todeserfahrung, „der absolute Kick!“. Mache die Sache viel spannender vorn vornherein, hatte der Typ noch behauptet, und er werde zehnmal soviel aus dieser Reise herausholen für sich, für sein ganzes Leben. Zum gleichen Preis! Eine Erfahrung, die er nie mehr vergessen würde! Und auf jeden Fall erst gegen Ende des Spielzeitraums, das sei garantiert, damit ihm also die vollen 2,5 Stunden "User-Time" mehr oder weniger garantiert blieben, natürlich! „Ich hab das schon mehrmals gemacht, es ist der absolute Oberhammer!“, strahlte er überlegen. Jean-Luc hatte sich überreden lassen.

Als er aus einem geheimnisvoll aussehenden Keller eines alten Eckhauses heraus trat und gerade seine Öllampe vor das Gesicht heben wollte, um die Flamme unter der verrusten Glasglocke auszupusten, sprang unvermittelt ein riesiger, schwarzer Köter mit furchtbarem Gebell und aufgerissenem Maul an ihm hoch und durchbiß ihm die Kehle. Er glaubte noch einen schneidenden Schmerz zu spüren und einen Schwall heißes Blut durch seinen Hals und Kopf pulsieren zu fühlen, doch da war er schon tot. Das Herz war ihm im gleichen Augenblick stehengeblieben, und den heftigen Stoß  als er mit seinem Kopf auf dem Boden aufschlug und sein Spielehelm abfiel  merkte er schon nicht mehr.

 

 

E p i l o g

Die kleine Stadt, sie war lange schon tot gewesen. Die Freundin des jungen Mannes aber weinte wochenlang und nahm sich dann ihr Leben: Der unfaßbare Krieg von damals brachte noch 100 Jahre nach seinem Ende zwei liebende Menschen zu Tode. Ohne ihn hätte es wohl weder die Zerrüttung und Entwurzelung ganzer Generationen gegeben, später Pornografie, Profitgier und besinnungslose "Spaßkultur", die Sucht nach dem ultimativen Rausch, das irre Reklamegeschrei allerorten. Und keine schwachen Herzen vereinsamter Kreaturen.


 

 



12. März 2025

[In eigener Sache] Medfux-Chronik enthüllt!

Die Sensation des Jahrhunderts! Erstmals wird die Geschichte von MEDFUX publiziert. Ungeschönt, quellenkritisch, substantiell. Von den allerersten Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart - unter Nutzung uralter und aktueller Quellen, historischer Schriften und zeitgenössischer Belege. Und mit bisher völlig unveröffentlichtem Material aus dem hauseigenen Archiv. http://medfux.de/media/pdf/Medfux-Chronologie.pdf

21. Februar 2025

[Gedicht] Künstlers Nachtlied

                                 


          Wie ungern wär ich, hach!, die SONNE.

Müßte pünktlich früh aufstehn,

jeden Tages gleichwärts gehn:

Strenge Zucht, und immer lachen,

alles sehn, nicht Faxen machen,

morgengrauend Gras abtauen,

Spießern auf die Arbeit schauen.

Immer schaffend, selten Wonne!

  

Nein, viel lieber doch der MOND,

der versteckt im Dunklen wohnt!

Laß die andern lichtvoll prahlen,

müßig mich vom Glanz bestrahlen.

Kann mal kommen, kann´s mal lassen,

kann Diät halten und prassen! 

Obskuranten still belächeln,

geistvoll´ Künstlern Nachtluft fächeln,

Sternenschwärmern alles zeigen,

mich vor Liebenden verneigen. 

Lunzen heimlich in die Katen,

über Seen und Sümpfe waten,

und in trocknen oder feuchten

Au´n dem Fuchs zum Mausen leuchten.



Ach, wie gern wär ich der MOND,

der erhaben droben trohnt.

Ließ die andern wichtig scheinen,

heute jubeln, morgen greinen:

nichtig Wirken, eitel Wille!

 

Ich – die graue Eminenz der Stille …